Der Landesverein vergibt jährlich den „Abriss des Jahres“ – einen Negativpreis, der auf den Verlust historischer Baukultur aufmerksam macht. Diesmal landete das Lechnerhaus in Prien auf Platz eins. Warum diese Auszeichnung trotz ihres bitteren Charakters notwendig ist, erklärt unsere wissenschaftliche Mitarbeiterin Daniela Sandner im Interview. Sie spricht über Abrisse, fehlende Sensibilität im Umgang mit historischen Gebäuden und darüber, was engagierte Bürgerinnen und Bürger konkret tun können.
Frau Sandner, unlängst hat der Bayerische Landesverein für Heimatpflege den Preis „Abriss des Jahres“ vergeben – eine Auszeichnung, um die sich wahrlich niemand reißt, ähnlich der „Goldenen Himbeere“ für den schlechtesten Film des Jahres. Warum ist dieser Anti-Preis dennoch wichtig, richtig und dringend notwendig?
Daniela Sandner: Uns wäre es auch lieber, er wäre nicht notwendig, aber in unserer heimatpflegerischen Arbeit sehen wir, dass das die bittere Realität ist. Wobei unser Fokus auf ‚best practice‘ liegt: Grundsätzlich versuchen wir zu überzeugen, indem wir gute Praxis-Beispiele vorstellen und auch Gebäude zeigen, die gerettet und gut umgebaut werden konnten und in die jetzt wieder Leben eingekehrt ist. Das machen wir 50 Wochen im Jahr, aber leider werden viele Gebäude, die es wert wären zu erhalten, eben doch abgerissen. Oft passiert das klammheimlich, weil es keinerlei Auflagen gibt, wenn das Gebäude nicht unter Denkmalschutz steht. Dann muss der Abriss bei der Gemeinde nicht bewilligt, sondern nur angezeigt werden. So verschwindet in Bayern jeden Tag historische Bausubstanz.
Und niemand schreit auf?
Wenn wir Glück haben und es in der betroffenen Gemeinde sensible Lokaljournalisten gibt, springt die Presse darauf an und berichtet. Aber oft sind die Gebäude, an denen man jahrzehntelang vorbei gefahren ist, einfach irgendwann weg und nur noch ein Schutthaufen da. Dann erinnern sich die Leute auch ganz schnell nicht mehr daran.
Der „Abriss des Jahres“ ist eine Mitmach-Aktion, eine Abstimmung, die nun zum vierten Mal stattgefunden hat, mit wachsender Beteiligung: 2300 Menschen haben abgestimmt, 600 mehr als im Vorjahr – das Thema scheint den Bayern offenbar am Herzen zu liegen.
Vielen schon. Das merkt man vor allem in unserer Social Media-Community, in der es viele historisch Interessierte gibt. Wir merken aber auch, dass es vielen Anderen einfach egal ist. Wie können wir die überzeugen? Wer mal dabei war, wie so ein Dachstuhl von einem Bagger eingerissen wird: Das tut schon weh beim Zusehen. Bei mir daheim in Gaimersheim bei Ingolstadt wurden kurz vor Weihnachten Nebengebäude eines Bauernhofs abgerissen – ich konnte das kaum anschauen, wie der Bagger sich da in das alte Gebälk rein frisst. Diesem Trübsal wollen wir mit dem „Abriss des Jahres“ auch Ausdruck geben, zumindest ein Mal im Jahr.
Auch die Heimstatt des Landesvereins in der Münchner Ludwigstraße war mal vom Abriss bedroht…
Wir sitzen in einem Stadthaus aus dem frühen 19. Jahrhundert, das seit mehr als 120 Jahren ein Bürohaus ist. Das Haus passt sehr gut zum Landesverein. Es ist dem Tod durch Abriss sozusagen von der Schippe gesprungen. Als man nebenan in der Schellingstraße die Uni gebaut hat, war unser Haus im Weg und sollte abgerissen werden, um den Neubau-Riegel erweitern zu können. Das konnte zum Glück noch abgewendet werden.
Das Fatale am „Abriss des Jahres“ ist ja, dass die Auszeichnung vergeben wird, wenn es schon zu spät und die Bausubstanz bereits verloren ist. Was kann ich als besorgter Bürger also tun?
Wer sich interessiert, soll mit offenen Augen und Ohren durch seinen Heimatort gehen, vielleicht mal eine Bauausschusssitzung besuchen – und dann aktiv werden! Dem Landesverein und dem Denkmalnetz Bayern beitreten. Wir haben eine große positive Denkmal-Community und unterstützen uns gegenseitig mit Rat und Tat. Gerne arbeiten wir dabei auch mit den Fachbehörden und zuständigen Ministerien zusammen.
Bei uns ist im Übrigen gerade eine Stelle in der Denkmalvermittlung ausgeschrieben. Was man als Bürger auch tun kann: sich vor Ort mit Gleichgesinnten zusammentun. Es gibt sehr coole Beispiele, bei denen das gut funktioniert hat. Wir können unterstützen und beraten, aber der Impuls muss aus der Bürgerschaft kommen.
Haben Sie Beispiele für das gute Funktionieren?
Drei ganz unterschiedliche. In der Fanni, einem Wirtshaus in Pischelsdorf im Landkreis Pfaffenhofen, hat sich das Dorf zusammengetan und eine Genossenschaft gegründet, um das Wirtshaus zu sanieren und wiederzueröffnen. Freitags von 18 bis 24 Uhr ist dort nun geöffnet. Dann gibt es das Rote Schulhaus in Rinchnach im Bayrischen Wald, wo ein junges Ehepaar ein historisches Backstein-Schulhaus gekauft und saniert hat. Die wohnen jetzt im ersten Stock, und das Erdgeschoß ist ein Ausstellungsraum samt kleinem Café. Beispiel Nummer drei: In Tyrlaching bei Altötting hat der Bürgermeister dafür gesorgt, dass ein historischer Gasthof reaktiviert wird, an dessen Rückseite ein Neubau für das Gemeindezentrum gebaut wurde – sieht super aus!
Es steht und fällt halt mit den handelnden Menschen…
…und mit der Vision! Und auch mit dem Mut, der leider oft fehlt.
So wie bei einem der nächsten Abriss-Kandidaten, den Sie schon im Blick haben: das Gasthaus Bichler im Ramerberg bei Rosenheim, wo stattdessen sieben Doppelhäuser entstehen sollen.
Mittlerweile habe ich schon wieder den nächsten auf dem Tisch: die Polizeiinspektion in Mainburg. Wenn man dieses Gebäude sieht, glaubt man nicht, dass das abgerissen wird. Leider sind die Entscheidungen wohl schon getroffen, so dass das Haus wohl auf unsere Liste für den Abriss des Jahres 2026 kommen wird. Dabei stand zur Diskussion, ob das historische Gebäude erhalten bleibt und hinten ein Neubau drangesetzt wird, was eine gute Lösung gewesen wäre. Aber jetzt wird es halt abgerissen und komplett neu gebaut.
Melden sich beim Landesverein eigentlich auch hilf- und ratlose Eigentümer, die mit der Sanierung ihrer Immobilie überfordert sind? Und was raten Sie denen?
Das ist schwer und braucht Zeit. Und es gibt natürlich Eigentümer, die das Haus weg haben wollen. Bei stark im Verfall befindlichen Objekten wollen viele Eigentümer einfach nicht sanieren. Wenn das Haus ein Denkmal ist, gibt es Vorgaben, was auch richtig so ist. Hervorragende Beratungsarbeit bietet das Landesamt für Denkmalpflege mit hoch engagierten Mitarbeitern.
Aber es gibt auch Fälle, wo selbst der Denkmalschutz nicht hilft, korrekt?
Bei dem Fachwerkhaus aus dem 17. Jahrhundert in Winkelhaid, Platz drei unserer Abriss-Kandidaten des Jahres 2025, war im Inneren vieles mutwillig zerstört worden, so dass das Gebäude aus der Denkmalliste gestrichen wurde – und dann konnte man es auch abreißen. Der Alte Wirt in Aising, Platz zwei unserer Abrissliste, hat es leider nicht auf die Denkmalliste geschafft. Dabei wäre er ein Haus für die Ewigkeit gewesen! Ein robuster Backsteinbau, der bestimmt 500 Jahre alt geworden wäre.
Was tun gegen diese fatale Entwicklung? Hilft eine Art „Bitte meldet euch, wenn ihr von gefährdeter historischer Bausubstanz erfahrt“?
Ich will eigentlich eine Bewegung starten! Dass die Leute wieder empathisch sind und ihre Orte mit Demut wahrnehmen. Man sieht an diesen Häusern halt auch, wo wir herkommen und wer wir sind. Wir merken an den Rückmeldungen, dass es diese Empathie gibt, viele Einsender haben sich explizit bei uns dafür bedankt, dass wir diese Aktion machen.
Aber das ist leider noch keine Bewegung. Kann ja noch werden.
Das Interview führte Thomas Becker.
Bild von Matthias Ettinger (@kwerbild).








