„Jodeln ist pralles Leben, volle Kraft voraus“ – Interview mit Dagmar Held

Dagmar Held in Tracht vor einem Gebäude.

Das Jodeln feiert das, was beim Singen tabu ist: die stimmliche Gratwanderung zwischen oben und unten. Dagmar Held leitet die Forschungsstelle für Volksmusik in Schwaben beim Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. In unserem Interview erklärt sie die Sprache und den Zauber des Jodelns – und warum die Kurse des Landesvereins sich vor allem an Laien wenden.

 

Frau Held, kann eigentlich jeder Jodeln lernen?  

Dagmar Held: Auf alle Fälle! Jodeln und Singen kann jeder. Man darf sich keine Grenze setzen. Zu glauben, es nicht zu können, ist nur die Schranke im Kopf. Es gibt den schönen Spruch von Yehudi Menuhin: Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen. Im Prinzip kann es jedes Kind, noch vor dem Sprechen. Meine Tochter hat, bevor sie richtige Worte sagen konnte, einfach Melodien gesungen in irgendeiner Fantasiesprache.

Wir müssen halt versuchen, daran wieder anzuknüpfen…

Jodeln ist dafür eine super Methode. Gerade für Leute, die wenig singen, können sich ausprobieren. Das geht sehr in die Tiefe, wenn man sich ganz auf die Töne konzentrieren kann und keinen Text einbauen muss. Man kann seine Stimme ausloten, von ganz oben bis ganz unten. Niemand muss sich ausgeschlossen fühlen, der keine Noten lesen kann. Beim Jodeln gibt es keine Barrieren.

Jodeln hat etwas Archaisches, etwas Direktes – kann man das so sagen?

Man hat tatsächlich nicht diese Abmischung wie beim klassischen Gesang. Man muss nicht ‚schön‘ singen und die Stimme mischen. Beim Jodeln geht man ganz in die Kopfstimme und ganz in die Bruststimme. Ich animiere die Leute auch immer, einfach mal drauf zu halten, einfach mal was rauszulassen.

Hört sich befreiend an!

Das ist es auch. Und ob ich es kann oder nicht, ist gar kein Maßstab. Ich mache es einfach. Wer beurteilt denn, ob das gut klingt oder nicht? Wenn es mir selber Freude macht, wenn es mir was gibt, dann ist es legitim. Wer damit öffentlich auftritt, sollte natürlich ein gewisses Niveau haben. Aber wenn ich es nur für mich mache, ist das doch völlig egal. Wir merken bei unseren Kursen, dass viele Leute es lieben, mit ihrer Stimme mal ein bisschen anders umzugehen.

Wo kann man das Jodeln lernen?

Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege bietet verschiedene niederschwellige Formate zum Jodeln an. Es gibt zum Beispiel einen Jodeltag jeweils im Frühling auf der Glentleiten (18. April) und im Herbst in Agatharied (12. September). Wir bringen dabei immer neue – oder besser: neu ausgegrabene – Jodler mit. Im Sommer (20. Juni) macht die Loni Kuisle eine Jodelwanderung im Allgäu. Und ich begleite im Herbst (2. bis 4. Oktober) ein Jodelwochenende mit Übernachtung in den Allgäuer Alpen. Da liegt der Schwerpunkt auf dem Jodeln und Singen, aber es wird nicht nur gejodelt.

Jodelt man eher in einer größeren oder kleineren Gruppe? Und wo fühlen sich Anfänger wohler?

Beides hat seinen Reiz und seinen Zauber. Das eine ist das große Klangbad, in das man eintauchen und sich anhängen kann. In der großen Gruppe findet der Einzelne mehr Halt und sticht nicht so raus. Andererseits trauen sich manche in einer kleineren Gruppe mehr. Hier ist das Jodeln sehr kommunikativ, man spielt sich wie in einem Dialog gegenseitig die Bälle zu. Ich finde das wunderbar.

Was reizt Sie noch am Jodeln?

Es gibt keinen Text und keine Noten. Ich kann mich ganz auf die Töne und die Vokale – Jodeln ist ja eine sehr vokalreiche Art zu singen – konzentrieren. Man beginnt mit einem einfachen achttaktigen Modell und kann sofort eine zweite Stimme drüber singen, vielleicht noch einen Bass dazu – und hat dieses tolle Erlebnis, das viele Leute nicht kennen: Du findest dich ad hoc mitten in einem mehrstimmigen Klang.

Wodurch unterscheidet sich das Jodeln vom Singen?

Beim Jodeln zelebriert man den Bruch von der Kopf- zur Bruststimme, den man beim Singen so gut wie möglich kaschiert. Ich singe oben nur in der Kopfstimme und gehe unten voll in die Bruststimme rein. Dadurch ergibt sich auch ein größerer Tonumfang.

Wann fängt man denn am besten mit dem Jodeln an? Hat man als Erwachsener noch eine Chance, es zu lernen?

Das Alter ist völlig egal. Ich finde, das ist so ein Mythos, wenn man sagt, man müsse das mit der Muttermilch aufgesaugt haben. Wenn ich Lust habe, das zu machen, dann kann ich auch mit 80 noch anfangen.

Wann haben Sie angefangen?

Ich bin mit 14 zur Volksmusik gekommen, weil ich Zither gespielt habe. Gesungen habe ich schon immer wahnsinnig gerne. Mir hat es nie was ausgemacht, mich vorne hinzustellen und alleine zu singen. Aber die Initialzündung war für mich der erste Kurs, den ich 1984 mit 19 Jahren beim Landesverein gemacht habe. Das war wie eine Art Offenbarung für mich. Ich hab‘ gedacht, wow, Wahnsinn, die Lieder will ich auch alle können. Man hat sich zusammengestellt, alles auswendig gesungen, plötzlich vierstimmig – und stand auf einen Schlag, zack, mitten in einer Klangwolke drin. Also da war ich wirklich völlig geflasht. Und natürlich vom Jodeln. Das ist halt echt pralles Leben, volle Kraft voraus.

Was ist der historisch-kulturelle Hintergrund des Jodelns?

Jodeln ist so eine Art Hirtenruf, mit dem sich die Hirten über weite Distanzen hinweg verständigt haben, weil das sehr trägt. Jodeln gibt es ja auf der ganzen Welt. Das findet man auch bei afrikanischen Völkern. Es ist kein alpenländisches Phänomen, aber bei uns ist es besonders gut dokumentiert. Für den österreichischen Raum hat zum Beispiel Josef Pommer im 19. Jahrhundert Jodler gesammelt und ‚444 Jodler und Juchzer‘ in einem kleinen Büchlein herausgegeben. Das ist heute noch eine wunderbare Fundgrube und ein Notenschatz. Das Jodeln entwickelte sich dann eine Zeit lang in Richtung Perfektion und das natürliche Jodeln ist dabei leider ein bisschen verklungen.

Wie kann sich das einfache Jodeln neben dieser akademischen Kunstform behaupten?

Es gibt wunderbare Jodelchöre mit wirklich krassen Stimmen, die sehr hoch singen können. Das ist schon eine andere Liga. Aber daneben hat auch dieses einfache Jodeln für Jedermann seine Berechtigung und das liegt uns beim Landesverein auch besonders am Herzen. Es hat in den 90ern eine richtige Renaissance erlebt, erst in Österreich, dann aber auch in Bayern. Mittlerweile gibt es sogar in Berlin Jodelgruppen – also, es ist wirklich total angesagt. Das ist inzwischen eine richtige Community. Man hat das Gefühl, manche können das Jodeln gar nicht mehr lassen! Es gibt zum Beispiel auch ein internationales Jodelfest, organisiert von dem Südtiroler Markus Prieth von der Gruppe Opas Diandl.

Angesichts dieser Vielfalt – wie unterscheiden sich die Stile?

Jodeln ist nicht gleich jodeln. Die Allgäuer jodeln ganz anders als zum Beispiel die Leute in Tirol oder der Steiermark. Im Allgäu wird mit ganz vielen Vokalen gejodelt. Da gibt es kein ‚Dirireiho‘ wie etwa im oberbayerischen Jodler, sondern da wird alles auf O und U gejodelt. Das ergibt einen ganz eigenen Sound, viel obertonreicher. Ich finde das unglaublich klangvoll, aber es ist sehr ungewohnt für Leute, die das noch nie gemacht haben. Denen fehlen die typischen Jodlersilben zum Festhalten. Ich finde es aber total cool, weil man ohne dieses ‚R‘ dazwischen besser in die Höhe raufkommt.

Und die Südtiroler, wie jodeln die?

Eher wie Tiroler oder Österreicher, also mit Konsonanten. Die Allgäuer klingen zwar jetzt wie die Schweizer, haben früher aber auch so gejodelt wie die Tiroler. Nach dem Krieg, in den 60er, 70er Jahren, setzte eine Bewegung ein, sich mehr an den vokalreichen Jodlern der Schweiz zu orientieren.

Beim Jodeln ist es also wie mit der Sprache: Man jodelt im Dialekt.

Ja, ganz genau. Den haben wir zum Beispiel auch im Bayerischen Wald, wo es eher so langgezogene, auch mehrstimmige Jodler gibt. Dort sagt man aber nicht Jodeln, sondern: ‚Wir singen eine Ari‘.

Was spürt man beim Jodeln?

Freiheit. Beim Jodeln kann man richtig loslegen. Wenn das Wetter mitmacht, jodeln wir im Freien. Die Verbindung von draußen sein, der Natur, den Bergen, und dem Jodeln ist als Gesamterlebnis sehr beeindruckend. Singen – und darunter fällt auch das Jodeln – ist einfach was wahnsinnig Schönes und, wie ich finde, etwas Tiefmenschliches, das in unserer Gesellschaft zu kurz kommt.

 

Das Gespräch führte Angelika Sauerer.

 

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