Das historische Wohnhaus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie gewinnt vor dem Gasthaus „Alter Wirt“ in Aising
Das historische Lechnerhaus in Prien (Lkr. Rosenheim, Oberbayern) ist zum „Abriss des Jahres 2025“ gewählt worden. Es gewann in der Abstimmung des Bayerischen Landesverein für Heimatpflege vor dem traditionsreichen Gasthaus „Alter Wirt“ in Aising und einem historischen Fachwerkhaus in Winkelhaid.
Die drei erstplatzierten Abrisse verdeutlichen die breite Spanne verlorener historischer Bausubstanz: ein Wohnhaus aus dem späten 19. Jahrhundert, ein Gasthof aus dem frühen 19. Jahrhundert und ein fränkisches Fachwerkhaus im Kern von 1600. Mit dem Lechnerhaus und dem Alten Wirt stammen gleich zwei Kandidaten aus Oberbayern, sogar aus demselben Landkreis. Insgesamt gingen bei der Aktion mehr als 2300 Stimmen ein – etwa 600 mehr als im Vorjahr. Der Landesverein hatte zwölf besonders bedauerliche Abrisse für die Online-Abstimmung ausgewählt. Die Zuschriften zeugen von der hohen emotionalen Verbundenheit mit den verlorenen Gebäuden.
Die drei ersten Gewinner im Detail:
- Lechnerhaus, Prien: Ende des 19. Jahrhunderts für die einflussreiche Unternehmerfamilie Lechner errichtet, symbolisierte das Haus die örtliche Industriekultur. Nach wechselnder Nutzung stand es ab 2006 leer und verfiel. Laut Presseberichten plant die Gemeinde nun die Errichtung von Wohnungen auf dem Grundstück; konkrete Zeitpläne liegen derzeit nicht vor.
Ein Einsender schreibt: „Dieter Wieland hat einmal gefragt, warum der Mensch den Fortschritt nicht im Erhalten sieht. Hier wird Architektur, Qualität und Handwerk abgerissen, das nie wieder erstehen wird. Das Herz blutet.“
Eine Einsenderin schreibt: „Kommunen sollten für Best Practice stehen und nicht schlimmer als private Eigentümer ein Gebäude verfallen lassen, um es abreißen zu können. Traurig!“
- Gasthaus „Alter Wirt“, Aising: Ein traditionsreicher Gasthof mit Wurzeln im frühen 19. Jahrhundert, ein Treffpunkt für Vereine, Feste und das gesellschaftliche Leben. Nach rund zehn Jahren Leerstand wurde das Gebäude 2025 abgerissen. Auf dem Gelände entstehen künftig ein Neubau mit Biergarten und Veranstaltungssaal, ein Nahversorger, eine Bankfiliale sowie Wohnungen. Die Fertigstellung wird in etwa zwei Jahren erwartet.
Ein Einsender schreibt: „Leider verschwinden sang- und klanglos immer mehr Gebäude der vergangenen Baukultur und es entstehen dafür seelenlose Bauten. Es gibt da ja inzwischen genügend Beispiele. Dieses Gasthaus ist mir noch immer in guter Erinnerung. Auch in Kienberg stand ein schöner großer Bauernhof am Ortseingang, jetzt ist es nur noch ein geschredderter Steinhaufen.“
Ein Einsender schreibt: „Jeder Abbruch ist ein kultureller Verlust, den die Menschen vor Ort meist erst merken, wenn es zu spät ist. Außerdem wird oft unnötig graue Energie vernichtet.“
- Fachwerkhaus, Winkelhaid: Das Wohnstallhaus aus der Zeit um 1600 war ein seltenes noch erhaltenes Zeugnis fränkischer Baukultur. Nach Veräußerung des Grundstücks an einen Bauträger wurden moderne Wohnhäuser errichtet. Das Gebäude stand noch bis 2024, wurde allerdings im Inneren offenbar mutwillig zerstört. Es verlor damit die Denkmaleigenschaft und wurde zum Abriss freigegeben.
Ein Einsender schreibt: „Es ist einfach nur traurig, dass hier Kultur und Historie mit Füßen getreten werden. Wenn ein historisches Gebäude abgerissen wird, geht unser kulturelles Gedächtnis verloren. Ich kann nicht nachvollziehen, warum ein Denkmalschutzgesetz keine Macht gegen den Abbruchwahn aufbieten kann. Leider ist es ein Politikum, und solange die wirtschaftlichen Fragen des Erhalts überwiegen, werden wir Denkmalschützer keine Chance haben.“
Dr. Olaf Heinrich, der Vorsitzende des Landesvereins, zieht ein zufriedenes Fazit nach der vierten Auflage der Abstimmung: „Wir benötigen jetzt dingend einen Umbau-Turbo. Und auf dem Weg dahin war die Aktion wieder ein großartiger Erfolg, weil durch die Rückmeldungen förmlich spürbar wurde, dass sich viele Menschen für Baukultur interessieren und sich um sie sorgen. Wir bekommen im Zuge von ,Abriss des Jahres´ auch immer wieder Anfragen von Eigentümern, die sich bei uns Tipps holen, wie sie ihre ortsbildprägenden Gebäude retten und entwickeln können. Dafür hat der Landesverein seit mehr als 120 Jahren Expertise, weil schon seine Gründer wussten, dass Denkmalpflege und Baukultur elementar sind für Heimatempfinden. Unsere Vermittlungsarbeit bauen wir jetzt weiter aus. Soeben haben wir eine attraktive Stelle zur Denkmal-Vermittlung ausgeschrieben. Wir machen dann noch mehr Veranstaltungen und Social-Media-Aktionen für heimische Baukultur.“
Dr. Rudolf Neumaier, Geschäftsführer des Landesvereins, betont: „Wir wollen Bewusstsein für den Wert historischer Baukultur und städtebaulicher Identität schaffen. Der Verlust historischer Gebäude betrifft nicht nur die Ortsgeschichte, sondern auch soziale und ökologische Aspekte. Mit der Aktion legen wir einmal im Jahr den Finger in die Wunde.“
Die Beispiele aus Prien, Aising und Winkelhaid zeigen eine fatale Entwicklung: Historische Gebäude weichen zunehmend der maximalen Grundstücksverwertung. Selbst die Denkmaleigenschaft bietet nicht immer Schutz, wie der Fall Winkelhaid besonders schmerzlich verdeutlicht.
Auch in Ramerberg (ebenfalls Lkr. Rosenheim) beobachtet der Landesverein derzeit mit Sorge einen bevorstehenden Abriss: Das Gasthaus Bichler soll offenbar durch sieben Doppelhäuser ersetzt werden, was bei den Bewohnern großes Bedauern auslöst. Ob der Gasthof auf der „Abriss des Jahres“-Liste 2026 stehen wird, bleibt abzuwarten.
Die Platzierung im Detail:
Platz 1: Lechnerhaus, Prien – 471
Platz 2: Alter Wirt, Rosenheim-Aising – 406
Platz 3: Fachwerkhaus, Winkelhaid – 318
Platz 4: Wohnhaus in der Frauenlandstraße, Würzburg – 307
Platz 5: Evangelisches Vereinshaus, Weiden – 166
Platz 6: Fischerhäusl, Neumarkt-St. Veit – 152
Platz 7: Wohngebäude Albert-Preu-Straße, Bayreuth – 138
Platz 8: Bauernhaus, Ellingen – 124
Platz 9: Gasthof „Zum Ochsen“, Augsburg-Göggingen – 72
Platz 10: Kirche „Zu den Acht Seligkeiten“, Füssen – 61
Platz 11: Gasthaus „Alte Post“, Grabenstätt – 52
Platz 12: Kasernengebäude auf dem Reese-Areal, Augsburg – 45
Hintergrund: Aktion „Abriss des Jahres“
Der „Abriss des Jahres“ ist eine jährliche Mitmachaktion des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege, mit der der Verein auf den fortschreitenden Verlust historischer Bausubstanz in Bayern aufmerksam macht. Dabei sammelt der Verein in jedem Jahr eine Auswahl besonders bedauerlicher Abrisse, etwa von historischen Gasthöfen, Wohnhäusern, Kirchen und anderen ortsbildprägenden Gebäuden, die im zurückliegenden Jahr verloren gegangen sind. Bürgerinnen und Bürger können dann über den „bedauernswertesten Abriss des Jahres“ abstimmen. Die Aktion versteht sich als Appell für mehr Wertschätzung, Erhalt und Weiterentwicklung bestehender Bausubstanz. Zu den bisherigen traurigen Gewinnern zählten seither: die Radrennbahn Nürnberg-Reichelsdorfer Keller von 1927 (2022), ein Fachwerkhaus in Bayreuth-Rödensdorf von 1802 (2023) und ein Renaissance-Handwerkerhaus in Landshut (2024).
Weitere Informationen:
- Die Abstimmung fand statt unter: www.heimat-bayern.de/abriss-des-jahres-2025/
Bilder zum Download:
> Lechnerhaus Prien Abriss. Bildautor: Herbert Münch
> Lechnerhaus Prien. Bildautor: Anton Hötzelsperger
> Alter Wirt Aising Abbruch. Bildautorin: Claudia Schütz
> Alter Wirt Aising. Bildautorin: Claudia Schütz
> Alter Wirt Aising. Bildautor: Stadtarchiv Rosenheim
> Winkelhaid. Bildautor: Robert Giersch
> Wohnhaus Bayreuth Abriss. Bildautor: Sven Lutz
> Acht Seligkeiten Füssen. Bildautorin: Riccarda Gschwend
Ansprechpartner:
Dr. Rudolf Neumaier, Geschäftsführer
rudolf.neumaier@heimat-bayern.de
089 286629-13
und
Dr. Daniela Sandner
daniela.sandner@heimat-bayern.de
089 286629-24








