Katharina Mayer versteht traditionellen bayerischen Volkstanz als Einladung für alle. Jetzt nimmt sie im Rahmen des Zertifizierungsprogramms für die Volksmusik-Vermittlung in Schulen gemeinsam mit dem Bayerischen Landesverein für Heimatpflege Schulkinder mit auf die Tanzfläche. Ein Teil der Videos zum Projekt ist gerade erschienen. Im Interview erklärt die Tanzmeisterin ihre Passion.
Du bezeichnest Tanz als „Sprache des Lebendigseins“. Um in diesem Bild zu bleiben: Du tanzt also mit bairischem Dialekt?
Katharina Mayer: Der Tanz ist für mich absolut vielsprachig. Er ist eine globale Sprache des Ausdrucks. Jede Form hat ihre eigene Sprache und Qualität, ihre eigene Tonalität und auch innerhalb dieser Sprache gibt es wiederum viele unterschiedliche Facetten, Dialekte. Also wenn man Bayern nimmt, dann hat man ja Franken, Schwaben, Oberpfalz, Niederbayern – allein da schon hast du ja zig verschiedene Dialekte und die sind regional an einzelnen Orten dann auch nochmal anders. Das spiegelt eine unglaublicheVielfalt, die man der bayerischen Volkskultur oft gar nicht zutraut.
Zwölf Jahre lang bist Du professionell bei internationalen Tanzwettbewerben aufgetreten. Da wird zum Beispiel lateinamerikanisch getanzt – aber nicht bayerisch. Warum eigentlich?
Die Gesellschaftstänze, die man international tanzt, haben nicht wirklich etwas mit einer lebendigen, echten Tanztradition zu tun. Das sind konstruierte Tanzformen, die in Form von Wettkampftänzen präsentiert werden. Aber wenn man zum Beispiel auf Veranstaltungen für volkskulturelle, ethnische Tänze schaut, spielt der bayerische Tanz durchaus eine Rolle, wenn auch oft nur in Form des Schuhplattelns – was ja wirklich nur die reine Showtanzvariante ist.
Der Tanz folgt Regeln, man muss Schrittfolgen einhalten und gewissen Choreografien folgen. In Deinen Tanzvideos sehe ich aber eine große Freiheit, das zu interpretieren. Wie gestaltest Du dieses Spannungsfeld zwischen freiem Tanz und festen Schrittfolgen?
Der Reiz ganz speziell im volkskulturellen Tanz liegt in der Struktur, in einer vorgegebenen Form, die man auch als Einladung verstehen kann. Der Zwiefache, der ja einen Taktwechsel beinhaltet, animiert von Grund auf zur Improvisation. Aber man bleibt schon in diesem vorgegebenen Rhythmus mit leichten Varianten. Genau darin liegt für mich der Charme des Paartanzes: Du bist verbunden, du hast zwar auch Möglichkeiten, dich zu drehen, aber du bist an die Form gebunden. Das gibt dir Halt und Sicherheit.
In der Automatisierung der Bewegung steckt dann auch eine Entlastung. Verstehe ich das richtig?
Also das hat für mich wirklich so was Flow-mäßiges, Meditatives, tief Entspannendes. Die Musik gibt mir einen Charakter vor und ich kann mich völlig ausruhen in dem, was ich tu. Man kann wie beim Mantra-Singen oder beim Meditieren den Kopf ausschalten: Ich muss jetzt nichts machen, sondern es macht einfach etwas mit mir. Genau das macht es für mich so genussvoll.
Aber Voraussetzung ist, dass man die Schritte eingeübt hat…
Absolut. Aber dann kommt der Flow. Ich nenne das auch immer Genussreife. Es ist nicht schwer, dahin zu kommen. Den Walzer-Schritt zum Beispiel habe ich schnell im Körper. Dann braucht es nur noch die Verbindung zum Partner. Und wenn alles so einigermaßen steht, kommt dieser Flow, dieses Hingeben an die Entspannung, dieses Nicht-denken-Müssen, dieses Eintauchen, dieses Gefühl: Es tanzt mich sozusagen. Der Schlüssel zum Genuss liegt in der Einfachheit. Das schließt das Komplexe nicht aus, aberes ist ein extra Feld von Genuss, das nur aufgeht, wenn ich alles so einfach wie möglich halte.
Du lädst die Leute zum Tanzen ein – als Tanzmeisterin bei allen möglichen Veranstaltungen, live, aber auch in Videos, wie zum Beispiel in Deinem aktuellen Projekt mit dem Bayerischen Landesverein für Heimatpflege. Wie gehst Du das an?
Ich frage mich: Was gebe ich Menschen an die Hand, damit sie in der Zeit, in der sie jetzt leben – da wo der Tanz vielleicht schon 50 oder 100 Jahre alt ist – ihn in ihrem jetzigen Leben als wert empfinden, aufzugreifen und auch weiterzutragen? Das ist mein Vermittlungsansatz. Mir geht’s nicht ums Bewahren. Mir geht’s darum, dass es lebendig ist.
Und was passiert mit Tänzen, auf die das nicht mehr zutrifft?
Für mein Gefühl ist das, was nicht weiterlebt, auch nicht unbedingt bewahrensnotwendig. Man kann es archivieren und dann irgendwie so wie durch eine Scheibe anschauen, ja. Aber wenn es die Menschen nicht in ihrer momentanen Lebenssituation trifft, dann hat es sich überlebt. Man kann nicht alles auf Teufel komm raus erhalten. Wir alle wollen im Herz dabei sein und machen nur Dinge, die uns wirklich catchen, die uns emotional berühren. Das ist mein Vermittlungsansatz. Und da ist es wurscht, um welchen Tanzstil es geht.
Geht es beim Tanzen mehr um einen selbst oder mehr ums Miteinander?
Das ist eine absolut essenzielle und total wichtige Frage. Obwohl ich glaube, dass das eine das andere nicht ausschließt, bin ich trotzdem der Ansicht, es sollte jedem erstmal um sich selbst gehen. Wenn ich bei mir selbst keinen Anker habe, dann brauche ich imAußen gar nicht anfangen. Das gilt generell im Leben und so auch beim Tanz. Wenn ich meine Bedürfnisse, Unsicherheiten oder Wünsche auf den Tanzpartner übertrage, dauernd etwas von ihm will oder ständig verbessere, dann wird das nichts werden, denn dann passt meine Intention nicht zur Verbindung mit einem anderen Menschen.
Gibt es eine neue Begeisterung für den Volkstanz in Bayern?
Ja, durchaus. In München ist es uns gemeinsam mit dem Kulturreferat gelungen, über die Jahre mit öffentlichen Mitmachveranstaltungen die urbane Tanzkultur wieder wachzukitzeln. Uns hat dabei in die Karten gespielt, dass die Leute das Verwurzeltsein in der Heimat wieder für sich entdeckt haben. Dass man zum Beispiel auf der Wiesn wieder Tracht trägt, ist ein Zeichen dafür.
Woher kommt das?
Globalisierung, Technologisierung und Digitalisierung führen zu einer Gegenbewegung. Die Leute suchen wieder Wurzeln, sie brauchen ein Zuhause, eine Zugehörigkeit, einen Halt, ein emotionales Badewasser gewissermaßen. Das gibt einem die Sicherheit, um sich in dieser großen, weiten Welt positionieren zu können.
Du bist in München aufgewachsen, lebst aber jetzt auf dem Land, erst in Lenggries, jetzt in Bad Tölz. Wie unterschiedlich werden in Stadt und Land Traditionen gelebt?
Für mich gibt es die Volkskultur, die ich lebe – also mit Tanzen, Singen, Musizieren – deutlich mehr in der Stadt als bei uns auf dem Land. Wir haben hier schon eine Blasmusikkultur und eine Musikkultur und ein Trachtenverein und so weiter. Aber eine lebendig getanzte Mitmachkultur gibt’s auf dem Land eher weniger.
Warum hast Du die Stadt dennoch verlassen?
Obwohl ich in München aufgewachsen bin, bin ich dennoch ländlich geprägt. Die ersten fünf Lebensjahre vor meinem Schuleintritt habe ich großteils auf dem niederbayerischen Bauernhof der Eltern meiner Mutter verbracht. Ich bin einfach mit Naturaufgewachsen. Irgendwann hatte ich dann genug von der Stadt, ich musste wieder raus und mich mit der Natur verbinden.
Wie kommst Du denn an Deine Musik?
Das ist gar nicht so einfach! Musiker wollen sich gern auch profilieren und mögen die komplexen Stücke. Aber die Volkstänze sind halt eher einfach strukturiert. Doch wenn du da als Musikant Lust hast, zu improvisieren und mit den Tänzern zu interagieren, dann ist es eine unglaublich erfüllende Art des Musizierens. Man braucht freilich auch ein gewisses Repertoire. Die Menschen wollen ja nicht fünfmal hintereinander Walzer tanzen.
Du hast 18 Jahre als Lehrerin gearbeitet und bist seit 2021 selbstständig als Coach und Lebensberaterin tätig. Gerade bist Du an einem Projekt beteiligt, das den Volkstanz im Rahmen des Ganztagsangebots an Schulen bringen soll. Worum geht es dabei?
Es gab schon öfter mal Überlegungen, diese gelebte Volkskultur mehr an Schulen zu bringen und ich habe dazu auch schon viele Lehrerfortbildungen gemacht. Nun haben Alois Schmelz und Sebastian Gröller vom Bayerischen Landesverein für Heimatpflege das Thema aufgegriffen. Und gemeinsam rollen wir jetzt diesen wunderbaren roten Teppich aus, auf dem junge Menschen diese gelebte Volkskultur erfahren können.
Wie soll das aussehen?
Ab dem Schuljahr 2026/27 gibt es in Bayern einen Anspruch auf schulische Ganztagsbetreuung in der Grundschule. Im Rahmen eines Qualifizierungs-und Zertifizierungsprogramms für die Volksmusik-Vermittlung in Schulen werden über die Abteilung Volksmusik des Landesvereins für Heimatpflege Interessierte dafür ausgebildet. Das Programm richtet sich an versierte Laien und Profis, die zur Vermittlung von Volksmusik in der schulischen Ganztagsbetreuung fachlich und pädagogisch befähigt werden sollen. Zusammenmit Josef Eder war ich für das Vertiefungsmodul Tanz zuständig und gerade eben haben wir die Videos für das Schulungsmaterial fertiggestellt.
Worauf kam es dabei an?
Leitfrage war: Wie gestalte ich es möglichst einladend, frei und undogmatisch? Ich habe extra Tänze rausgesucht, die gut vermittelbar sind. Und das Tolle ist: Diese Tänze haben wir live musikalisch aufgenommen, sodass die Lehrenden die Musik aus der Konserve, aber live gespielt, in ihrem Unterricht zum Tanz verwenden können. Alles sollte möglichst einfach, lebendig und praxisnah sein. Auf Perfektion kam es dabei weniger an.
Apropos Perfektion: Gibt es Leute, die absolut nicht tanzen können? Manche behaupten das ja von sich.
Also, da kann ich ganz klar sagen: Das stimmt zu hundert Prozent nicht. Alles, was es braucht, ist dieser kleine Funke, um eine alte Überzeugung einfach mal kurz in Frage zu stellen.
Das Interview führte Angelika Sauerer.
Foto von Daniela Pfeil
Zu den Videos: https://www.youtube.com/








