Wo die Nachtigall wohnt und wie man die Grille lockt: Die Umweltingenieurin Lioba Degenfelder und die Volksmusikerin Simone Lautenschlager finden in Texten von Volksliedern ganz viel Wissen über die Natur. Artenvielfalt gibt es nämlich nicht nur in Wäldern und Wiesen, sondern auch in der Musik. Dieses Wissen vermitteln sie im Interview und im Workshop „Land.schafft.Klang: Biodiversität und Volksmusik im Dialog“ am 23. Mai beim Festival „Drumherum“.
Frau Lautenschlager, Frau Degenfelder, Sie haben sich aufgemacht, der Natur im Volkslied nachzuspüren. Was lesen Sie zum Beispiel aus der Liedzeile „Drunt in da greana Au, steht a Birnbam schee blau, juchhe!“ heraus?
Lioba Degenfelder: Unser Ausgangspunkt ist die Biodiversität. Der Artenverlust ist nicht nur für den Naturraum dramatisch, sondern auch für unseren Kulturraum. Wir verlieren nicht nur die Funktionen, die die Arten innehaben. Wir verlieren auch ein Stück weit die Möglichkeit, die Welt wahrzunehmen oder abzubilden. Wenn es zum Beispiel keine Streuobstwiesen mehr gibt, dann können wir keine Lieder über Birnbäume schreiben. Aber es gibt bessere Beispiele als das Birnbaumlied.
Welche zum Beispiel?
Lioba Degenfelder: Wir suchten Lieder, die in die Tiefe und ins Detail schauen, damit wir ein Gefühl dafür kriegen, wie Menschen vielleicht vor 50, vor 100 Jahren Natur wahrgenommen haben. Was haben sie gehört und beobachtet, welche Phänomene sind ihnen aufgefallen? Hatten sie noch einen anderen Zugang zur Natur?
Simone Lautenschlager: Ein gutes Beispiel ist das Lied von der Nachtigall im Tannenbaum: „Was schlagt denn do drobn auf’n Tannabam? Was hör i die ganze Nacht schrein? Was wird denn des wohl für a Vogerl sein? Des wird wohl a Nachtigall sein!“ Dann antwortet die Frau in der zweiten Strophe: „Na, na, mei Bua, des is koa Nachtigall! Na, na, mei Bua, des derfst net glaubn! A Nachtigall schlagt af koan Tannabam. De schlagt in a Haselnußstaudn!“
Da steckt ein tieferes Wissen dahinter, wo die Vogelart normalerweise lebt, oder?
Lioba Degenfelder: Genau! Ich komme ja aus der Naturwissenschaft und aus dem Umweltschutz. Was ich aus ökologischer Sicht in dem Lied höre, ist eine ziemlich genaue Habitatbeschreibung einer Nachtigall. Sie lebt und singt eher in Laubwäldern, liebt gebüschreiche Feldränder und Hecken. Das ist ihr Lebensraum. Sie kann es nicht sein, die auf dem Tannenbaum singt, weil sie dort nicht vorkommt.
Simone Lautenschlager: Im weiteren Text geht es dann ganz um andere Geschichten… Die tiefere Botschaft, die drinsteckt, lautet: Einem Buam, der was Falsches über die Nachtigall erzählt, dem sollte man lieber nicht trauen.
Tiere und Pflanzen sind im Volkslied also nicht immer ganz jugendfrei…
Simone Lautenschlager: Da gibt es oft eine tiefere Bedeutung. Was macht der Kuckuck? Der legt seine Eier in fremde Nester. Und das wird im Volkslied oft übertragen auf jemanden, der es nicht ehrlich meint. Oder nur die flüchtige Liebe sucht, halt einfach einer, der mal kurz neispecht und dann wieder abhaut.

Man beklagt in der Ökologie das Artensterben. Gibt es denn dann auch im Volkslied ein Artensterben, einen Kulturverlust?
Lioba Degenfelder: Es gibt die Theorie, dass volkstümliche Musik artenärmer ist. Die stammt von Hubert Zierl, einem Förster und Volksmusikanten – und ehemaligem Leiter des Nationalparks Berchtesgaden. Wissenschaftlich belegt ist sie nicht, aber ich finde sie total spannend: Je populärer die Musik, desto weniger genau wird hingeschaut. Man hat dann meistens den Adler, das Edelweiß und die Gams – „sexy species“ nennen wir das in der Ökologie. Aber das Kleine und Feine findet nimmer statt.
Haben Sie noch ein Beispiel für das Kleine und Feine?
Simone Lautenschlager: Zum Beispiel das Kinderlied vom Heuschreck. Der sitzt im Sommer auf der Wiese, hat sein G‘sang, darum wird ihm auch die Zeit nicht lang. Und in der zweiten Strophe heißt es dann: Wenn du eine Grille fangen willst, „musst‘ recht weit ins Loch nei glangen“ und „musst‘ ein langen Schmelchen haben“.
Lioba Degenfelder: Ein Schmelchen – also eine Schmiele – ist eine bestimmte Grasart aus der Gattung der Süßgräser mit einem langen Halm, der nicht leicht einknickt. Damit kann man Grillen aus ihrem Erdloch locken, indem man ihn hineinzwirbelt. In diesem Lied haben wir wieder das genaue Hinschauen und auch die Unterscheidung: Ein Heuschreck ist was anderes als eine Grille. Der eine hüpft auf der Heuwiese und die andere lebt im Loch. Und wir finden den jahreszeitlichen Rhythmus abgebildet. Grillen und Heuschrecken zirpen nur im Sommer. Das ist eine super genaue Beschreibung von einer Pflanze und zwei Tierarten.
Sie bieten am 23. Mai beim „drumherum“ in Regen einen eineinhalbstündigen Workshop zum Thema an. Was erwartet die Teilnehmerinnen und Teilnehmer?
Lioba Degenfelder: Am Anfang erzähle ich ganz allgemein über Artenvielfalt und Artenverlust. Ich schlage den Bogen vom Globalen hin zu Bayern und habe auch Beispiele aus früheren Zeiten dabei, zum Beispiel die Abbildung auf einem Holzstich von 1877, auf dem man ganze Heerscharen von Frauen und Kindern mit Körben auf Feuchtwiesen Kiebitzeier sammeln sieht. Man kann sich heute nicht im Entferntesten vorstellen, welche Artenvielfalt und Quantität damals herrschte, so viele Kiebitze, Brachvögel und so viele Schmetterlinge. Dann stellen wir die Frage: Was bedeutet es für unsere Kultur, wenn die Natur ärmer, stiller, leiser, weniger vielfältig wird?
Wie groß ist dieser Verlust?
Lioba Degenfelder: Je weniger wir erleben, desto ärmer ist unser inneres Bild. Was wir nicht erleben, können wir nicht zum Ausdruck bringen. Ich verstehe Kultur als Übersetzung dessen, was außerhalb von uns passiert, in das, was innerhalb passiert. Wir übersetzen es in Musik, Gedichte, Bilder. Im Workshop bringt Simone dazu die Lieder ein. Wir singen sie gemeinsam und schauen noch einmal mit einem ökologischen Blick drauf.

Haben Sie noch ein Beispiel, Frau Lautenschlager, ein weiteres Lied?
Simone Lautenschlager: Es gibt ein Lied, das heißt „In meinem Bauerngarten“ und es geht so: „In meinem Bauerngarten, da stehn viele schöne Blum, Stiefmütterchen, die zarten, Narziß und Lilium. Und schlanke Pappelrosen am Rand von Kraut und Kohl, Goldlack und Skabiosen und Nelken und Viol. Und zwischen Bohnenhecken und Dill und Bertramkraut hab ich mir ein paar Stecken Tomaten angebaut.“ Ich habe das anders gelernt, bei uns daheim steht alles in Reih und Glied. Dafür haben wir jeden Tag Schnecken und ich denke mir: Vielleicht ist so eine Mischkultur tatsächlich gescheiter. Aber weiter im Lied: „Und reichlich Georginen – sieh an, sie kommen grad! Und vor und hinter ihnen Kohlrabi und Salat. Ein Schmeckerchen Kamille, ein Rüchlein Rosmarin und, dass es heil und stille, die Minze zwischendrin. Das gibt ein Blühn und Schwellen, wohl hinterm knappen Zaun, mit Liebe zu bestellen, mit Freude anzuschaun. Kommst du die Straß‘ vorüber, schau auch und freue dich! Du hast die Blumen lieber und Erbsen und Gurke ich.“
Erstaunlich, das ist ja ein ganzer Markt! Wenn man mal in die Zukunft schaut, zehn Jahre oder 20 Jahre voraus, haben Sie da die Befürchtung, dass es bestimmte Sachen dann bloß noch im Volkslied gibt und die Leute gar nicht mehr so wirklich was damit anfangen können?
Lioba Degenfelder: Ja, das glaube ich schon. Unsere Generation kennt viele Dinge jetzt schon nicht mehr, die im Volkslied beschrieben werden. Ich denke zum Beispiel an Arbeitstechniken aus der Landwirtschaft. Ich habe auch noch nie in meinem Leben ein Heumandl aufgerichtet. Und meine Kinder werden das auch nicht machen. Ich finde es spannend, wenn man durch das Volkslied einen Blick in die Vergangenheit kriegt.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Workshop zu konzipieren?
Lioba Degenfelder: Wir haben für den Bayerischen Landesverein für Heimatpflege die Ausstellung „Land.schafft.Klang“ gemacht, in der es um Artenvielfalt auf Wiesen und Weiden in Bayern geht. Sie wird gerade in Regen gezeigt, wo auch das Volksmusikfestival „drumherum“ stattfindet. Simone und ich kennen uns seit 20 Jahren vom gemeinsamen Musizieren. Und da war es naheliegend, das Thema der Ausstellung mit der Volksmusik zu verbinden.
Haben Sie schon alle Lieder beisammen, Frau Lautenschlager?
Simone Lautenschlager: Ich bin immer noch auf der Suche.
Haben Sie in Liedern, die Sie eigentlich schon lange kennen und oft gesungen haben, durch den neuen Blick mit der Biodiversität neue Aspekte entdeckt? Was hat Sie bei der Suche am meisten überrascht?
Simone Lautenschlager: Mich hat überrascht, wie gut die Natur beschrieben ist. Und wie wenig ich eigentlich weiß, gerade auch was die Symbolhaftigkeit von Pflanzen und Tieren anbelangt. Bei der Recherche habe ich viel aus den Büchern von Werner Danckert (Volksliedforscher, 1900-1970) gelernt. Wenn Sie wissen, wofür ein bestimmter Baum steht, bekommt ein Lied eine andere Ebene, die man vorher nicht wahrnimmt. Ich kenne das Tannenbaumlied wirklich schon ewig, aber ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, wo eine Nachtigall brütet. Durch das Wissen über die Hintergründe bekommt es eine völlig neue Ebene.
Welche Hintergründe waren noch für Sie neu?
Simone Lautenschlager: Der Hollerstrauch steht für Fruchtbarkeit, vielleicht auch, weil er sein Wurzelwerk so stark ausbreitet. Er steht aber auch für freie Liebe. Da gibt es Interpretationsspielraum. Oder ich kenne ein Lied, das heißt „Die schöne Müllerin“, und da geht der Müller in den grünen Wald. Laut Danckert bedeutet der „grüne Wald“ ein Liebesabenteuer. Also „grüner Wald“ kommt so locker flockig daher, da würde sich nie jemand Gedanken machen. Aber mit dem Wissen um die tiefere Bedeutung schaut es schon anders aus: Aha, okay, er lässt die Frau also daheim und geht auf Abenteuer.
Frau Degenfelder, wie ist es Ihnen ergangen? Hatten Sie auch solche überraschenden Erkenntnisse?
Lioba Degenfelder: Mich freut es einfach total, wenn solche Schätze gehoben werden. Genau das brauchen wir im Naturschutz unbedingt, quasi eine emotionale Verbindung zur Natur. Wenn sich alles nur im Kopf abspielt, bleiben wir auf einer naturwissenschaftlichen Ebene. Aber wir müssen ja die Menschen erreichen. Durch das Volkslied erschließen wir für den Naturschutz andere Zugänge zu Menschen. Im Naturschutz bleiben wir oft in dieser Inventarisierung des Verlustes stecken. Aber das ändert nichts an der Welt. Wir müssen Menschen für Natur und für ihren Erhalt begeistern.
War Ihnen von Anfang an klar, welcher Nutzen für den Naturschutz im Volksliedgut steckt?
Lioba Degenfelder: Geahnt habe ich es schon. Aber mich hat es sehr gefreut, welche Beispiele Simone dann gefunden hat. Zum Beispiel das Lied vom Heuschreck und der Grille. Das sind einfach Schätze.
Frau Lautenschlager, haben Sie noch so einen Schatz für uns?
Simone Lautenschlager: Ja – ein relativ neues Lied, das ich super finde. Es ist von der Sternschnuppe die Rede und geht um Vögel und wie sie ihre Nester bauen. Es handelt vom Kuckuck, der ein Nest bauen will und immer wieder andere Vögel fragt, was er den machen soll. Je nach Art bekommt er unterschiedliche Antworten, die Schwalbe sagt, ein Nest gehöre an die Wand, die Ente meint, man müsse es im Schilf am Wasser bauen und so weiter. Es vermittelt Wissen, ist aber nicht pädagogisch belehrend.
Zum Abschluss noch einmal zurück zum Birnbaum. Ich habe mich schon immer gefragt, warum der „schön blau“ ist. Können Sie mir das erklären?
Simone Lautenschlager: Blau blüht er jedenfalls nicht, es ist also kein Naturphänomen. Alles andere ist Spekulation.
Das Interview führte Angelika Sauerer.
Bilder von Lioba Degenfelder und Simone Lautenschlager: Matthias Ettinger (kwerbild)
Der Workshop „Land.schafft.Klang: Biodiversität und Volksmusik im Dialog“ findet am 23. Mai (12.00 – 13.30 Uhr, Gasthaus Falter) im Rahmen des Festivals „drumherum“ in Regen statt. Die Teilnahme ist kostenlos, man muss sich nicht anmelden.
Die Ausstellung „Land.schafft.Klang“ ist vom 17. Mai bis zum 31. August im Niederbayerischen Landwirtschaftsmuseum mitten in Regen. Am Drumherum Samstag, Sonntag und Montag finden jeweils um 14 Uhr Kuratoriumsführungen in der Ausstellung statt.








