Geschichte in Bildern
Alwin Hecher ist ein Illustrator und Comiczeichner aus Tirol. Er erzählt Geschichte und Geschichten nicht nur, sondern übersetzt sie in Bilder. In seinen Graphic Novels bringt Hecher, Jahrgang 1998, historische Biografien wie die des Tiroler Priesters Jakob Gapp (1897-1943) oder der Holocaust-Überlebenden Leokadia Justman (1922-2002) in eine moderne visuelle Form. Dabei arbeitet er eng mit Forschungseinrichtungen zusammen und versteht sich selbst weniger als Künstler, sondern eher als „Übersetzer“ von Geschichte. Sein Ziel: komplexe historische Ereignisse so zu erzählen, dass sie auch für junge Menschen greifbar, emotional und spannend werden.
Alwin, wir sprechen heute darüber, wie man Geschichte für junge Menschen interessant machen kann – gerade mit dem Medium Graphic Novel. Stell dich doch kurz vor.
Alwin Hecher: Ich komme aus Tirol und war ursprünglich Werbegrafiker, bevor ich als Illustrator gearbeitet habe. Irgendwann habe ich gemerkt, dass Menschen viel stärker auf Geschichten reagieren als auf reine Information. Vor fünf Jahren habe ich dann für einen Verein in Wattens eine Graphic Novel über Jakob Gapp gemacht, der Titel heißt „Jakob Gapp. Gegen den Strom“. Daraus entstand die Idee, historische und auch kulturell bedeutsame Inhalte über Comics zugänglicher zu machen. Später kam das Projekt über Leokadia Justman dazu, es kam unter dem Titel „Lodzia & Marysia“ vergangenes Jahr heraus. Da geht es um eine polnische Jüdin, deren Biografie gerade erforscht wird. Die Universität Innsbruck wollte ihre Geschichte in ein anderes Medium übersetzen. Das ursprüngliche Buch umfasst mehrere hundert Seiten, der Comic rund 90. Dadurch wird die Geschichte für Menschen zugänglich, die sonst vielleicht nie zu einer historischen Biografie greifen würden.
Wie näherst du dich solchen historischen Persönlichkeiten an?
Man kann eine Geschichte nicht erzählen, wenn man die Figuren nicht versteht. Bei Leokadia Justman war das besonders intensiv, weil ihre Autobiografie erhalten ist. Man liest nicht nur Fakten, sondern bekommt direkt ihre Stimme mit. Für mich beginnt alles damit, zu verstehen, wie diese Menschen gelebt haben, was sie prägte und warum sie Entscheidungen trafen. Wenn ich selbst keinen emotionalen Zugang finde, wird ihn später auch kein Leser finden – vor allem keine jungen Leserinnen und Leser ohne historischen Kontext.
Das heißt, du arbeitest nicht einfach nur Fakten ab?
Genau. Viele historische Formate konzentrieren sich nur auf Fakten. Aber reine Fakten erzeugen selten Nähe. Eine Graphic Novel soll kein Geschichtsbuch ersetzen, sondern einen Zugang schaffen. Das Dramaturgische und Emotionale stehen im Vordergrund. Wenn Menschen nachvollziehen können, warum jemand Angst hatte, Hoffnung spürte oder Opfer brachte, bleiben auch die historischen Zusammenhänge stärker hängen. Emotionen helfen uns, Ereignisse zu verstehen und zu erinnern. Natürlich basiert alles auf Recherche: Dokumente, Tagebücher, Forschungsarbeiten. Aber dann muss man die Geschichte so strukturieren, dass sie verständlich und erzählerisch funktioniert.
Wie sieht dieser Prozess konkret aus?
Zuerst entsteht die faktische Grundstruktur: Was passiert wann? Danach kommt die narrative Ebene. Man muss entscheiden, welche Szenen wichtig sind, welche man verdichten oder zusammenlegen kann. Gerade bei Leokadia Justman war das notwendig. Aus ursprünglich geplanten 40 Seiten wurden am Ende 90, weil man sonst der Geschichte nicht gerecht geworden wäre. Manche Details werden vereinfacht oder verschoben – nicht, um etwas zu verfälschen, sondern damit die Leserinnen und Leser emotional folgen können. Dazu kommt dann noch die visuelle Recherche: Wie sahen Gebäude aus? Kleidung? Orte? Das alles trägt dazu bei, dass die Geschichte glaubwürdig wirkt.
Wie nah kommt man solchen Figuren während der Arbeit?
Sehr nah. Während eines Projekts mache ich oft monatelang nichts anderes. Manche Szenen beschäftigen einen enorm. Bei Leokadia Justman gab es eine Szene mit ihrer Mutter, an der ich fast drei Wochen gearbeitet habe, weil sie emotional so zentral war. Man muss sich darauf einlassen. Natürlich braucht man auch Distanz, aber wenn man selbst nichts empfindet, wird die Geschichte später auch niemanden berühren.
Wie eng war die Zusammenarbeit mit den Auftraggebern und der Forschung?
Mit der Universität Innsbruck war das sehr angenehm. Die Historiker haben die Faktenbasis geliefert, ich habe versucht, daraus eine verständliche Erzählung zu machen. Es gibt dabei immer eine gewisse künstlerische Freiheit, aber ich sehe mich weniger als „Künstler“, sondern eher als Übersetzer. Es geht nicht darum, meine eigene Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen, sondern die Geschichte der jeweiligen Person möglichst authentisch zu vermitteln. Darum arbeite ich oft mit einem eher semirealistischen Stil. Der soll der Geschichte dienen und nicht mir selbst.
Für wen machst du diese Graphic Novels eigentlich?
Es gibt mehrere Zielgruppen. Einerseits junge Menschen oder Schulklassen, die mit einer langen Biografie wenig anfangen könnten. Über Bilder und narrative Szenen bekommen sie leichter einen Zugang. Dann gibt es Menschen, die Comics und Graphic Novels generell mögen und über das Medium Interesse an Geschichte entwickeln. Und schließlich Eltern oder Lehrkräfte, die solche Geschichten weitergeben wollen. Gerade regionale Geschichte kann dadurch greifbar werden. Wenn Jugendliche sehen: „Das ist der Ort, an dem ich jeden Tag vorbeigehe“, entsteht plötzlich ein Bezug.
Du arbeitest viel mit regionalen Geschichten. Warum reizt dich das?
Weil persönliche Geschichten oft stärker wirken als große abstrakte Erzählungen. Man muss Geschichte nicht immer auf der Staatsebene erzählen. Eine einzelne Biografie kann Vieles verständlicher machen als große politische Zusammenfassungen. Wenn die emotionale Ebene funktioniert, interessieren sich Menschen plötzlich auch für den historischen Kontext dahinter. Die regionale Verortung macht das Ganze zusätzlich greifbar – besonders für junge Leute.
Was macht für dich eine gute Geschichte aus?
Eine gute Geschichte hat eine emotionale Essenz. Bei Jakob Gapp geht es um Überzeugung und Standhaftigkeit, bei Leokadia Justman um Freundschaft, Familie und Überleben. Das sind universelle menschliche Themen. Wichtig ist aber, dass die Figuren nicht zu einfachen Karikaturen werden. Menschen sind komplex. Ein Charakter darf nicht nur „gut“ oder „böse“ sein. Gerade historische Geschichten dürfen nicht moralisieren. Sie sollen verständlich machen, warum Menschen gehandelt haben, wie sie gehandelt haben.
Woran arbeitest du gerade?
Ich arbeite weiterhin für Museen, Bildungseinrichtungen und Vereine. Gerade beschäftige ich mich mit österreichischen Sagen und regionalen Geschichten. Zudem arbeite ich an einem Kurzfilm zu einem regionalen Märchen.
Und außerdem ist gerade deine neue Webseite online gegangen.
So ist es. Unter https://geschichte-in-bildern.com/ kann man sich jederzeit darüber informieren, was ich gerade mache.
Interview: Daniela Sandner




