„Die Kirchen gehen uns alle an“ – Interview mit Tobias Appl

Stark rückläufige Mitgliederzahlen und hohe Sanierungskosten: Das sind für die evangelische Landeskirche in Bayern die Gründe, warum sie bis 2035 die Hälfte ihrer Immobilien aufgeben will. Leerstehende oder entweihte Gotteshäuser werden immer öfter umgenutzt oder gar abgerissen. Alarmierende Zahlen, findet auch Dr. Tobias Appl, der Bezirksheimatpfleger aus der Oberpfalz.

Herr Appl, wenn die Kirche zwar noch im Dorf gelassen wird, aber keine Kirche im eigentlichen Sinne mehr ist – was geht Ihnen da als Bezirksheimatpfleger durch den Kopf?

Im Normalfall hat eine evangelische Kirchengemeinde eine Kirche, einen Gemeindesaal und ein Pfarrhaus, wo der Pfarrer wohnt. Wenn 50 Prozent dieser Gebäude weg sollen, müssen praktisch zwei Pfarreien zusammenhelfen, damit von jedem Gebäudetypus einer übrig bleibt..

Das kann Ihnen nicht gefallen.

Es ist ein gesellschaftlicher Prozess eingeläutet, wo man über diese Dinge diskutiert und wo viele Kirchengemeinden nun überlegen müssen, was man mit den Immobilien macht. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo in Bayern die Fläche erreicht ist. Das ist ein Prozess, den wir nicht einfach so hinnehmen sollten. Ich glaube, dass wir als Gesellschaft mehr Verantwortung übernehmen müssen anstatt nur teilnehmende Beobachter zu sein. Es ist wichtig, die Diskussion darüber zu führen, es ist eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit und nicht nur etwas, das einige Wenige entscheiden sollten.

Wie wichtig sind Kirchen für Städte, Dörfer und Gemeinden?

Kirchen sind für die Gesellschaft, für das Ortsbild und die Identität wesentlich wichtiger, als man es oft auf den ersten Blick erkennt. Daher gibt es in den Ortschaften, wo man darüber nachdenkt, Kirchen zu schließen oder zu verkaufen, meistens eine große Diskussion – und es gibt auch viele, die sich für den Erhalt der Kirche aussprechen, die nicht jeden Sonntag zum Gottesdienst gehen.

Was hören Sie von den Leuten vor Ort? Was sind die Argumente für und wider?

Ich glaube, dass es eine große emotionale Seite gibt. In Kirchen finden lebensentscheidende Stationen statt: Es wird geheiratet, es gibt Beerdigungen, man hat dort Erstkommunion oder Konfirmation, wird getauft. Oder wenn ein großes Unglück geschieht, wie unlängst beim Amoklauf am Gymnasium in Schongau – wo trifft sich dann die Bevölkerung am Abend? Natürlich in der Kirche, um diesen Schock gemeinsam zu verarbeiten. Daran sieht man, dass Kirchen wahnsinnig wichtige Orte sind für eine dörfliche, lokale, aber auch für eine regionale Gemeinschaft. Denn in solchen Situationen sucht man dann doch immer das Kirchengebäude. Es gibt also eine große emotionale Bindung an die Gebäude, auch bei Menschen, die längst aus der Kirche ausgetreten sind.

Das ist die eine Seite.

Auf der anderen Seite ist da der hohe denkmalpflegerische und ortsbildprägende Wert. In sehr vielen Dörfern ist die Kirche das bedeutendste und meistens auch das größte und älteste Baudenkmal. Da gibt es eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Und zum Dritten geht es auch – und das darf man nicht unterschätzen – um diesen spirituellen, sakralen Raum, der für eine Gesellschaft sicher auch notwendig ist. Man darf nicht über die, denen das als Versammlungsort oder als spirituelles Zentrum wichtig ist, einfach hinweggehen. Daher haben diese Gebäude weiterhin eine sehr hohe Bedeutung.

Dagegen stehen die Kirchenaustritte, die schwindenden Finanzmittel, die steigenden Kosten im Unterhalt…

Gerade bei den Nachkriegskirchen, die oft mit Beton und großen Glasflächen gebaut wurden. Die Heizkosten sind mittlerweile der Wahnsinn geworden. Insofern sind die ökonomischen Argumente nicht vom Tisch zu wischen.

Was tun? Entscheidungen im Einzelfall oder eine generelle Vorgabe, wie mit solchen Kirchen zu verfahren ist?

Man muss gute Entscheidungen suchen und ähnlich wie bei anderen Denkmälern dafür sensibilisieren: Die ursprüngliche Nutzung ist die beste Nutzung. Wenn das aus irgendwelchen Gründen nicht mehr möglich ist, muss man schauen, wie man diese Gebäude nahe an der ursprünglichen Nutzung in eine gute Zukunft führen kann. Wir werben stark dafür, dass nicht an Privatpersonen verkauft wird, die sich da vielleicht irgendein Hobby-Wohnzimmer einrichten, sondern dass man zuerst an eine öffentliche Nutzung denkt, an eine gesellschaftliche oder kulturelle Nutzung.

Was genau meinen Sie?

Kirche steht ja nicht nur für Liturgie, sondern u.a. auch für Bildung und Caritas. In Kirchen sind früher wichtige Entscheidungen getroffen worden, weil man oft keine Ratssäle hatte. Also hat die Dorfbevölkerung oft in den Kirchen abgestimmt. In anderen Ländern, in Afrika oder Lateinamerika, heißt es: Wenn es eine starke Regenzeit gibt, ist das einzige Dach, das wirklich dicht ist, das der Kirche. Heißt, die Leute sind oft tagelang in den Kirchen, es kommen dort Kinder zur Welt, es wird gefeiert und auch geschlafen. Das sind Dinge, die wir uns hier schlecht vorstellen können, aber ich glaube, dass man ein bisschen den Fokus weiten muss.

Bei Ihnen in der Oberpfalz, in Beratzhausen im Landkreis Regensburg, wurde die evangelische Erlöserkirche aufgegeben, von der Lebenshilfe Regensburg gekauft und zu einem Wohnprojekt für Menschen mit geistiger Behinderung umgebaut – ein sogenanntes Best-Practice-Beispiel.

Da hat man eine gute Nachnutzungsmöglichkeit gefunden. In dem Fall ist die ehemalige Kirche ein flexibler Versammlungsraum, an den man links und rechts angebaut hat. Im Erdgeschoss ist ein Kindergarten untergebracht. Was wir besonders schön finden: Wenn die evangelische Gemeinde in dem Gebäude noch Gottesdienst feiern will, steht es ihr zur Verfügung. Das passiert jetzt ungefähr alle vier Wochen.

Klingt beispielhaft, funktioniert aber nur, wenn es einen potenten Käufer und einen so kreativen wie bezahlbare Architekten dazu gibt.

Wenn es wirklich nicht mehr geht, sollte man sich gesamtgesellschaftlich auf die Suche nach Nutzungsmöglichkeiten machen, nicht nur in der Kirchenverwaltung oder irgendwo im Ordinariat suchen. Man muss vielmehr die Menschen vor Ort einbinden. Was wir nicht vergessen dürfen: Gerade die alten Kirchen sind ja nicht von einem Bischof oder sonst wem erbaut worden, sondern vor allem mit dem Geld, das die Leute aus dem Dorf an Kirchenzehnt abgegeben haben. Also sind die Kirchen irgendwo unser aller Kirchen, denn unsere Großeltern, Urgroßeltern und Vorfahren haben schon viel Geld in die Kirche reingesteckt – da steht man als Bewohner in einer gewissen Verantwortung, hat nicht nur die Pflicht, sondern in gewisser Weise auch das Recht, da mitzusprechen.

Die rückläufige Entwicklung der Mitgliederzahlen dauert bei den Kirchen ja schon eine Weile an, und die Wahrscheinlichkeit, dass sich das noch mal dreht, scheint nicht allzu groß. Heißt: Man muss sich wappnen, oder?

Es gibt auch Länder wie Frankreich oder Italien, da finden wir das sogar schön, wenn von den Kirchen der Putz runterfällt. Das findet man romantisch und macht schöne Fotos. Dort gibt es auch etliche Kirchen, die keine konkrete Nutzung haben. Wir in Deutschland halten das nicht aus, wenn ein Gebäude mal keine Direktnutzer hat. Viele sagen gerade bei den älteren Kirchen: Bevor man es wegreißt, sollte man es so sichern, dass es nicht reinregnet und nichts runterfällt, wenn man gerade keine gute Lösung hat. Vielleicht kann es in 10, 20 oder 30 Jahren ja wieder für kirchliche Zwecke genutzt werden. Und wenn nicht, kann man sich immer noch eine gute Nutzung überlegen. In Deutschland ticken wir einfach so: Wenn irgendwas keine Nutzung mehr hat oder der Putz runterfällt? Weg damit! In anderen Ländern ist man da toleranter und lässt das Gebäude stehen und gibt ihm damit die Chance für eine künftige Lösung, die vielleicht erst in 30 oder 50 Jahren funktioniert.

Interview: Thomas Becker

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