Interview mit Dr. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern
Heimat im engeren Sinn
Wenn Sie „daheim“ sagen, wo ist das?
In München! Sehr lange war München für mich nur meine Geburtsstadt, aber ich bin längst an dem Punkt, dass ich mit Stolz sagen kann: Ich bin ein Münchner Kindl, hier bin ich daheim! Das lasse ich mir auch nicht mehr nehmen.
Ist Heimat für Sie etwas Abstraktes oder verbinden Sie es mit konkreten Orten, Gefühlen, Menschen, Erinnerungen, Gerüchen und Geschmäckern, Dingen? Welche sind das?
Heimat ist grundsätzlich ein Gefühl, und Gefühle verbinden sich mit Orten. Wenn ich auf der Wiesn bin, fühle ich daheim. Wenn ich in den Bergen unterwegs sein kann, fühle ich mich daheim. Und natürlich, wenn ich mit den vielen Menschen zu tun haben kann, die mir hier ans Herz gewachsen sind, dann fühle ich mich auch daheim.
Wenn Sie mich nach konkreten Momenten fragen: Ich liebe den Dezember in München, wenn die ganze Stadt strahlt und leuchtet. Das ist immer etwas ganz Besonderes.
Sie wollten auswandern (USA oder Australien). Nach der Geburt Ihrer Kinder haben Sie sich anders entschieden. Warum?
Mit zwei kleinen Kindern in ein fremdes Land, dessen Sprache wir nicht richtig beherrschten, das war uns zu heikel. Wir wollten erst einmal abwarten, und „erst einmal“ wurde dann lang und länger. Es hat aber wirklich Jahrzehnte gedauert, bis wir uns selbst damit arrangieren konnten, dass wir wirklich dauerhaft hierbleiben. Und da waren wir nicht die Einzigen, fast alle jüdischen Menschen in Deutschland konnten nach 1945 von solchen Erlebnissen erzählen.
War das Thema damit abgehakt oder hat es Sie immer wieder beschäftigt? Waren Sie sicher in Ihrer Entscheidung? Was hat Ihnen dabei geholfen?
Nein, sicher waren wir lange überhaupt nicht, wir hatten anfangs ja unbedingt weggewollt. Die Gemeinde war in den 50ern und 60ern auch sehr klein, und als man sich so ein bisschen eingerichtet hatte, setzte eine Phase des Terrors ein: Der Brandanschlag aufs Gemeindezentrum in der Reichenbachstraße 1970, das Olympia-Attentat 1972. Die Politik stand damals sehr klar an unserer Seite, das war gut und richtig, aber wenn man sich ohnehin die Frage stellte, ob man am richtigen Ort war, halfen diese Entwicklungen nicht. Viele sind in dieser Zeit auch nach Israel ausgewandert.
Ihre Großmutter wurde 1942 deportiert, Sie mussten sich verstecken und haben überlebt. Wie geht man um, auch in der Erinnerung, mit einer derart feindlichen Heimat?
Das war genau das Problem. Ich hatte schon nicht nach München zurückgewollt 1945, weil ich den Menschen nicht wieder begegnen wollte, die uns bespuckt und verfolgt hatten. Aber mein Vater setzte sich natürlich durch, ich war erst zwölf Jahre alt.
Trotzdem blieb dieses große Misstrauen. Mit der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft hatten wir sehr lange nur so viel zu tun, wie es absolut erforderlich war. Meine älteren Kinder wussten genau, dass sie keine Schulfreunde nach Hause einzuladen brauchten. Wir Überlebenden konnten uns in diesem Land nicht bewegen, ohne uns zu fragen, was die Menschen getan hatten, die uns über den Weg liefen. Jeder Bäcker, jeder Trambahnschaffner, alle, die jetzt immer höflich grüßten und freundlich lächelten, konnten in Wirklichkeit grausame Mörder sein.
Rassismus und Antisemitismus wachsen wieder im Land. Viele Jüdinnen und Juden fühlen sich aktuell zunehmend bedroht, manche sitzen auf gepackten Koffern. Das ist sehr traurig. Wie sprechen Sie in Ihrer Familie darüber?
Heute ist die Lage die, dass ein Großteil meiner Familie gar nicht in Deutschland lebt. Ich habe drei Kinder, sieben Enkel und seit Kurzem acht Urenkel, und die meisten sind über den ganzen Erdball verstreut. Aber das Thema ist nicht zu vermeiden, und wir bemerken dabei: Es ist nirgendwo wirklich gut. In Amerika, Österreich, Großbritannien und Frankreich, man kommt dem Judenhass heute nicht aus. Israel ist die einzige Ausnahme, aber das Leben dort hat dafür ganz andere Herausforderungen. Eine meiner Töchter lebt dort, ich bekomme das also aus erster Hand mit.
Hadern Sie mit Ihrer Heimat? Entgleitet sie Ihnen?
Hadern – ja. Ich erlebe heute Sachen, die ich mir nie hätte vorstellen können in Deutschland, allen voran die Etablierung einer rechtsextremen Partei. Da frage ich mich sehr wohl, ob das meine Heimat ist. Aber ich habe immer noch Vertrauen in dieses Land und seine Menschen, und ich hoffe, dass sie bei sich bleiben.
Heimat im weiteren Sinn
Was bedeutet der Begriff „Heimat“ generell für Jüdinnen und Juden, die in der Geschichte immer wieder verfolgt und von Pogromen heimgesucht wurden?
Heimat war für jüdische Menschen immer zuerst eine Sehnsucht. Man wollte irgendwo leben können in einer Weise, dass die eigene Anwesenheit nicht hinterfragt wurde, und das gab es im Grunde nirgends. Mit der Gründung des Staates Israel hat man so einen Ort geschaffen, der auch ein Rettungsanker und eine spirituelle Heimat für jüdische Menschen in aller Welt ist. Heimat aber bedeutet noch mehr, ich zum Beispiel spreche kein Hebräisch und bin in Israel zwar immer gern zu Gast, aber freue mich auch jedes Mal, wenn ich dann wieder nach München zurückfahre – nach Hause.
Bayerische Geschichte ist auch jüdische Geschichte. Der Bayerische Landesverein für Heimatpflege setzt hier ein deutliches Zeichen. Worauf käme es Ihnen in diesem Zusammenhang an?
Mir wäre wichtig, dass die Menschen begreifen, dass Juden in Bayern keine Fremdkörper sind, die irgendwann hierher verpflanzt wurden. Wir haben in diesem Land gelebt fast so lange, wie es Bayern überhaupt gibt. Wir sind hier seit 800 Jahren verwurzelt, und wenn ich mir das erlauben darf: Selbst das Menschheitsverbrechen des Holocaust hat diese jüdische Präsenz in Bayern nicht beendet. Wenn sich diese Einsicht mehr durchsetzt, wäre schon viel gewonnen. Man muss die Leute nicht belehren, allerdings weiß man auch, wer die Geschichte kennt, der versteht die Gegenwart besser.
Wurde das kulturelle jüdische Erbe in der Heimatpflege in der Vergangenheit ausreichend gewürdigt und eingebunden?
Die kurze Antwort ist Nein, aber diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Heute wird die jüdische Tradition in Bayern G’tt sei Dank an sehr vielen Stellen gesehen und berücksichtigt, und zwar auch und gerade außerhalb der Metropolen. Dort, wo es keine jüdische Gemeinde in der Nähe gibt, ist es doppelt wichtig, das Erbe zu erhalten. Heute mangelt dafür nicht an Engagement.
Der Umgang mit dem gewaltigen jüdischen Erbe ist meist historisch. Gepflegt werden die Erinnerungskultur, die Gedenkstätten, die historischen Bauten. Das ist gut und wichtig! Aber wie kann das lebendige Judentum besser in die Breite der Gesellschaft getragen werden?
Das ist die entscheidende Frage! Und genau wie Sie sagen, wir wollen natürlich, dass historische jüdische Friedhöfe erhalten werden, aber die Menschen sollen auch die Möglichkeit haben, lebende Juden kennenzulernen. Die Antwort ist am Ende kleinteilig, man muss jüdische Themen etwa in Lehrplänen an geeigneter Stelle einbauen und zum Beispiel über jüdische Feste informieren. Ansonsten sind selbstverständlich auch wir als Gemeinden besonders gefordert, wir in München bieten zum Beispiel Führungen durch die Synagoge an, bei denen auch ganz allgemein über das Judentum gesprochen wird. Ich selbst bin regelmäßig an Schulen zu Gast, um mit den jungen Leuten zu sprechen. Das ist zwar immer noch ein formaler Rahmen, aber ich merke wirklich, wie so etwas hilft. Unsere Besucher oder eben die Schüler gehen am Ende mit dem Gefühl nach Hause, dass Judentum nichts Exotisches ist, mit dem man nie in Berührung kommt. Sondern jüdische Menschen sind im Grunde auch nicht viel anders als sie!
In welchem Verhältnis stehen für Sie die Begriffe Heimat – Identität – Patriotismus – Antisemitismus?
Heimat und Identität gehören natürlich zusammen, und wer seine Heimat liebt, der ist Patriot und sollte das auch sein. Ich wehre mich seit Jahren mit aller Energie dagegen, dass man diese Begriffe als anrüchig darstellt und damit den Extremisten in unserer Gesellschaft quasi schenkt. Ein guter Patriotismus ist aber offen und einschließend: Unser Land ist so wunderbar, dass immer mehr Menschen hierherkommen wollen, und wer soll ihnen das verdenken? Was an Ausgrenzung und Abschottung patriotisch sein soll, wollte mir noch nie in den Kopf. Zugleich gibt es ein Wertefundament, auf dem dieses Land ruht, und dass man sich in der eigenen Lebensführung daran orientieren muss, liegt auch auf der Hand. Diese Heimat ist zum Beispiel für uns irgendwann keine Heimat mehr, wenn der Judenhass weiter wächst.
Rechte Gruppierungen und Parteien missbrauchen „Heimat“ und „Patriotismus“, um Rassismus und Antisemitismus zu schüren. Wie gefährlich ist das?
Ich halte das für sehr gefährlich. Ich bleibe auch dabei, es war fatal, dass die demokratische Mitte diese Begriffe nicht selbst besetzt hat. Ganz ähnlich ist es auch mit unserer Flagge: Schwarz-Rot-Gold sind die Farben der Demokratie, die Nazis haben diese Flagge gehasst. Heute tragen ihre Wiedergänger sie durch die Straßen, weil die echten Demokraten sich nicht trauen. Worauf soll man in diesem Land stolz sein, wenn nicht darauf?
Zugleich muss ich sagen, es gibt hier eine Gegenbewegung. Die verschiedenen „Heimatministerien“, die es heute gibt, sind ein kleiner Schritt, aber ein wichtiger. Davon brauchen wir mehr!
Zur jüngeren deutschen und bayerischen Geschichte gehört die Zuwanderung von Menschen muslimischen Glaubens. Welche Chancen und welche Herausforderungen sind damit verbunden für das Zusammenleben?
Als Vertreterin der jüdischen Gemeinschaft und in Kenntnis der vergangenen ca. 15 Jahre wird es Sie nicht überraschen, dass die Herausforderungen für uns sichtbarer sind. In vielen muslimischen Ländern ist ein wahnhafter Hass auf Israel und alles Jüdische gesellschaftlicher Comment, das, pardon, passt nicht zu unserem Land.
Zugleich wandern in erster Linie keine Gedanken zu uns ein, sondern Menschen, und wir glauben daran, dass die Menschen nicht Sklaven ihrer frühen Prägungen sein müssen und sich ändern können. Deutschland und Bayern sehen heute nicht mehr so aus wie vor 30, 50 oder 70 Jahren. Aber Zusammenleben ist eine Bringschuld aller, der Neuankömmlinge wie der Alteingesessenen. Wir haben – auf sehr anderer Ebene natürlich – diese Erfahrung auch in den Gemeinden gemacht, als die Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion begann. Ich kann deshalb sagen: Integration ist wirklich Kärrnerarbeit, aber wenn sie gelingt, dann lohnt es sich.
Zwischen Kritik an israelischer Politik und Antisemitismus wird oft nicht getrennt. Welche Folgen hat das?
Das ist eine Entwicklung, deren schädliche Wirkung auf das jüdische Sicherheitsgefühl man kaum überschätzen kann. Ich weiß nicht, was manche Leute glauben, aber wenn, wie 2025 geschehen, eine antiisraelische Demonstration in direkter Nachbarschaft der Hauptsynagoge vorbeiführt, noch dazu kurz vor Schabbatbeginn an einem Freitagabend, dann fühlen wir uns bedroht. Und wenn man sich die zahllosen Übergriffe ansieht, die es seit Jahren gibt, dann auch zu Recht.
Der Ministerpräsident hat es neulich sehr schön gesagt: Man muss nicht alles gut finden, was die Regierung in Jerusalem tut. Aber eine gewisse Grundzustimmung ist angemessen. Und selbst wenn man Israel kritisch sieht: Den jüdischen Staat abzulehnen und sich zugleich als Freund der hier lebenden jüdischen Menschen zu verstehen, das wird nicht funktionieren. Wir wissen das. Und deshalb sind wir so besorgt, dass klassischer Antisemitismus und der Hass auf Israel heute derart ineinanderfließen.
Wie stehen Sie zu dem Bestreben, die Förderung jüdischer Kultur und den Kampf gegen Antisemitismus in die Bayerische Verfassung aufzunehmen?
Das wäre ein gutes und sinnvolles Symbol und würde das enorme Engagement des Freistaats gegen den Judenhass unterstreichen. Papier ist allerdings geduldig, entscheidend ist die praktische Umsetzung – da passiert schon jetzt sehr viel.
Was ist zu tun, dass Bayern, dass Deutschland weiterhin eine sichere Heimat für Jüdinnen und Juden sein kann?
Niemand in der jüdischen Gemeinschaft glaubt oder erwartet, dass der Judenhass besiegt werden kann. Das wird einfach nicht passieren. Was wir aber wollen und brauchen, ist das Gefühl, dass wir mit unseren Sorgen nicht alleinstehen. Wir möchten das Gefühl haben, dass Politik, Gesellschaft und auch staatliche Stellen wie die Justiz alle an einem Strang ziehen, um die Probleme in den Griff zu bekommen. Da sind wir hier in Bayern auf einem guten Weg. Jüdische Menschen wollen einfach nur hier leben, so wie alle anderen auch. Für die, die ihnen das unmöglich machen wollen, erwarten sie von staatlicher Seite null Toleranz.
Das Interview führte Angelika Sauerer.
Foto: IKG München und Oberbayern/Astrid Schmidhuber








