Der Landesverein lässt seine Geschichte erforschen – Interview mit der Historikerin Martina Steber

Eine Frau mit Brille lächelt vor einem lilanen Hintergrund.

Wie verhielt sich der Landesverein im Nationalsozialismus? Was bedeutete „Heimat“ in den 1920er- oder 1970er-Jahren? Um diese Fragen zu klären, erforscht das Institut für Zeitgeschichte die Geschichte des Landesvereins im 20. Jahrhundert. Projektleiterin ist Prof. Dr. Martina Steber. Sie erklärt im Interview, wie moderne Heimatpflege ihre Vergangenheit aufarbeiten kann.

Das Projekt geht über mehrere Jahre und wird durch die Rosner & Seidl Stiftung ermöglicht.

Sie haben selbst schon viel über die Geschichte der Heimatpflege geforscht. Was versprechen Sie sich von dem Projekt des Instituts für Zeitgeschichte, das Sie mit dem Landesverein in Angriff nehmen?

Der Landesverein für Heimatpflege nahm seit seiner Gründung als Verein für Volkskunst und Volkskunde im Jahr 1902 eine herausragende Position in der kulturellen Landschaft Bayerns ein: in ihm verschränkten sich zivilgesellschaftliches, vornehmlich bürgerlich getragenes Engagement und eine staatliche Kulturpolitik, die mit der Idee der „Heimat“ auf Identitätsbildung zielte. Eine Geschichte des Landesvereins von 1918 bis 1990 macht es möglich, das Zusammenspiel von Heimatideen, Bürgertum, Politik und Staat über die Brüche des 20. Jahrhunderts hinweg zu untersuchen, nach Kontinuitäten und Diskontinuitäten über 1933 und 1945 hinweg zu fragen – etwa im Hinblick auf die Biografien prägender Männer im Verein oder die Vorstellungen, welche die Zeitgenossen mit ihrer bayerischen „Heimat“ verbanden. Wie wurde etwa über die Weimarer Demokratie gedacht, wie über die Demokratie der Bundesrepublik? Wie positionierte sich der Landesverein gegenüber dem NS-Regime, wie gestaltete sich das Verhältnis zum durch den Nationalsozialismus überformten bayerischen Staat? Wie veränderten sich Praktiken der Heimatpflege in den modernisierungsbegeisterten 1960er Jahren? In welchem Verhältnis standen Landesverein und Alternativbewegungen in den 1970 und 1980er Jahren zueinander, als der Schutz von Natur und Umwelt zum Anliegen der sich formierenden grünen Bewegung wurde? Das sind nur einige Fragen, die sich stellen. Es ist erstaunlich, dass die Geschichte des Landesvereins bislang so noch nicht erzählt wurde. Für die Zeitgeschichte öffnet sich jedenfalls ein spannendes, innovatives Forschungsfeld, das weit über die bayerische Geschichte hinausweist. Tatsächlich ist die Geschichte von Heimatideen, von Heimatschutz und Heimatpflege in vielerlei Hinsicht noch ein wenig bearbeitetes Thema – zumal für die Geschichte nach 1945.

Mit größter Wahrscheinlichkeit handelt es sich bei dieser Karikatur um den damaligen Vereinsvorsitzenden Albert Weickmann (Mitte), den zweiten Vorsitzenden Hans Karlinger und das damalige (1937) Vorstandsmitglied Marie Kronenbitter-Buchner. Das Wortspiel ist wohl so zu verstehen, dass die Dame die eigentliche Chefin der Vorstandsrunde war. Sie scheint auf der Zeichnung das Wort zu führen, angesichts der Tatsache, dass die beiden Herren aufmerksam zuhören. Zudem klopft sie energisch mit den Fingern auf den Tisch, macht also klar, wo es langgeht. Außerdem ist sie es, die im wahrsten Sinne des Wortes den Hut aufhat. Die Zeichnung wurde übrigens von Rudolf Esterer (Mitglied des Bauausschusses des Landesvereins und zwei Jahre später zum Ehrenmitglied ernannt) gefertigt. Sie liegt im Archiv des Landesvereins.

Was hat das Institut für Zeitgeschichte an der Kooperation mit dem Landesverein gereizt?

Die Kooperation mit einem lebendigen Verein, in dem ernsthaftes Interesse an unabhängiger, zeithistorischer Forschung besteht. Was kann man sich mehr wünschen?

Wie politisch war der Bayerische Landesverein nach dem derzeitigen Kenntnisstand im 20. Jahrhundert und besonders zwischen 1933 und 1945?

Das ist eine zentrale Frage des Projekts, die wir erst nach erfolgter Forschungsarbeit beantworten können. Sie führt aber schon mitten in die Komplexität hinein, denn was hieß eigentlich „politisch“ in diesen Zeiten? Die im Heimatschutz engagierten Männer und (wenigen) Frauen betonten immer wieder, dass sie im Dienst der „Heimat“ gänzlich „unpolitisch“ agierten. Dahinter verbarg sich allerdings in vielen Fällen eine politische Agenda.

Wenn Ortschroniken entstehen, fordert die Heimatpflege stets zu Recht ein, dass auch die Ortsgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter die Lupe genommen wird. Die Geschichte bayerische Heimatpflege selbst ist so gut nicht erforscht. Wie erklären Sie sich das? Muss sich die Heimatpflege mehr mit ihrer eigenen Vergangenheit beschäftigen?

Es ist für jede Organisation ratsam, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Wie in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft war über viele Jahrzehnte auch im Landesverein die Distanz zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus groß. Welche Gründe die Akteure im Verein nach 1945 dazu brachten, nicht so genau zu fragen, nicht so genau wissen zu wollen, ist eine der Forschungsfragen, denen wir nachgehen werden.

Wie geht das IfZ diese Forschungsarbeit an?

So, wie Historikerinnen und Historiker ganz klassisch arbeiten: Wir entwickeln eine Fragestellung, recherchieren überlieferte Quellenbestände, werten diese aus, gehen in den Dialog mit der Forschung, vergleichen mit ähnlichen Fällen, testen unsere Hypothesen, revidieren sie, entwickeln aus dem Erkannten neue Fragen – und entdecken so auch wieder neue Quellen. Am Ende steht ein Buchmanuskript.

Welchen Umfang hat das Projekt zeitlich und räumlich?

Wir untersuchen den Landesverein vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Ende der Bonner Republik, also in einer longue durée von 1918/19 bis 1989/90. Der Fokus ist natürlich Bayern, immer im Kontext der nationalen wie internationalen Entwicklung von Heimatschutz und Heimatpflege im 20. Jahrhundert.

Was erwarten Sie in den Archiven des Landesvereins?

Viele spannende Quellen!

Welche historischen Quellen könnten am interessantesten/ergiebigsten sein?

Das hängt von der Frage ab, die an die Geschichte gestellt wird: Will ich beispielsweise etwas über die Biographie einer Person herausfinden, sind Personalakten sicherlich genauso interessant und ergiebig wie persönliche Zeugnisse, also das, was Historikerinnen und Historiker als Egoquellen bezeichnen, Tagebücher oder Briefe etwa. Wenn es dagegen beispielsweise um die Haltung des Vereins gegenüber Erwartungen des Staates geht, dann sind Sitzungsprotokolle und Korrespondenzen mit Ämtern, Behörden oder Ministerien einschlägig. Ich weiß gar nicht, ob es uninteressante historische Quellen überhaupt gibt.

Wie standen die Nationalsozialisten eigentlich zur Heimatpflege?

Auf der einen Seite gehörten die Nationalsozialisten zu den großen Förderern und Unterstützern des Heimatschutzes – eines Heimatschutzes allerdings, der ideologisch mit dem nationalsozialistischen Nationalismus, Rassismus und Biologismus im Einklang war. Eine nationalsozialistische Heimatschutzbewegung gab es nicht vor 1933, vielmehr saugten die Nationalsozialisten das Vorhandene auf und eigneten es sich an. Alle anderen Ideen von Heimat und ihrer Pflege, vor allem wenn sie sozialdemokratisch oder liberal geprägt waren, wurden nach 1933 aus der Öffentlichkeit gedrängt, durchaus auch mit Gewalt. Interessant war die Haltung gegenüber dem konservativen Heimatschutz. Hier gab es genügend ideologische Schnittmengen mit nationalsozialistischen Weltbildern, die viele bürgerliche Konservative im Heimatschutz bereitwillig nutzten: der Nationalismus, der Antikommunismus, ein bürgerliches Moralverständnis, die Agrarromantik. Zunächst funktionierte diese Kooperation in vielen Fällen recht gut, fügte sich der Heimatschutz ins Regime nahtlos ein und profitierte von der Wertschätzung. Als aber die Kulturpolitik des NS-Regimes die Eigenständigkeit bürgerlicher Vereine zu beschneiden begann und außerdem die auf die Entfesselung des Krieges zielende Rüstungspolitik weder vor dem Natur- noch vor dem Kulturerbe Halt machte, brachen Konflikte auf. Sie wurden nach 1945 von den im Heimatschutz Aktiven nicht selten zum „widerständigen“ Verhalten erklärt und damit in ihrer Bedeutung völlig verdreht.

Wie hat sich der Begriff „Heimat“ gewandelt? Welche politischen Bedeutungen hatte er seit dem Jahr 1902, in dem der Landesverein gegründet wurde?

Das ist eine sehr komplexe Frage, der wir im Projekt nachgehen werden. „Heimat“ hat prinzipiell mehrere Bedeutungsebenen: Eine individuelle, emotionale, „Heimat“ steht für Beheimatung, für das Wissen um einen Platz im Leben, an dem man ganz bei sich sein kann. Das kann ein Ort sein, das kann aber auch eine Gemeinschaft von Menschen sein oder auch die Religion. Eine zweite Bedeutungsebene von „Heimat“ bezieht sich auf einen Raum, der kollektiv mit Vorstellungen von regionaler Spezifik aufgeladen wird – wenn Bayern beispielsweise als „Heimat“ imaginiert wird, geprägt von einer erkennbaren Kultur, ausgezeichnet durch eine voralpine Landschaft, markiert durch den altbairischen Dialekt. Zum dritten kann „Heimat“ als politischer Begriff benutzt werden. Dann wird er aufgeladen mit politischen Inhalten, über das gesamte politische Spektrum hinweg. In solchen Zusammenhängen kann der Heimatbegriff dann auch zum Exklusionsinstrument werden: Die Frage, wer zur „Heimat“ gehört und wer nicht, wird ausschließend beantwortet, das Heimatliche gegen das Fremde positioniert. Gleichmaßen kann der Begriff politisch aber auch integrativ eingesetzt werden, die Heimat zum Ort des Ankommens und des neuen Lebens werden. Dies lässt sich an der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts immer wieder beobachten.

Wie politisch darf und soll Heimatpflege sein?

Diese Frage können Sie viel besser beantworten als ich, das müssten wir jetzt einfach umdrehen! Ich versuch’s mal: Heimatpflege in einer demokratischen Gesellschaft sollte meines Erachtens integrierend wirken und einem offenen Konzept von Heimat verpflichtet sein, das weiß, dass das Beständigste der Wandel ist. Wenn politisch meint, eine staatsbürgerliche Haltung zur liberalen Demokratie zu fördern und vorzuleben, dann ist Heimatpflege politisch.

Der Politologe Ivan Krastev sagte vor zwei Jahren, die „größte politische Aufgabe“ sei es derzeit, „den Leuten wieder ein Gefühl von Heimat zu geben“. Vorausgesetzt, Sie stimmen Herrn Krastev zu: Welche Rolle fällt dann der Heimatpflege im Allgemeinen und dem Landesverein im Besonderen zu?

Die Diagnose ist nicht falsch. Aber: Es ist eine Überforderung an die Politik und die Steuerungsfähigkeit des Staates zu erwarten, dass Politik oder der Staat emotionale Beheimatung schaffen kann. Daraus kann nur Enttäuschung folgen. Letztlich ist ein Gefühl für die Heimat individuell. Zum einen teilt das nicht jeder, zum anderen kennt es eine Unzahl an Varianten. Über Heimat wurde seit jeher gestritten, das kann in einer pluralen Gesellschaft auch nicht anders sein. Aber der Landesverein und die Heimatpflege haben hier als Akteure der Zivilgesellschaft sicherlich eine wichtige, wenn auch nicht einfache Rolle. Denn was Heimat in der pluralen Gesellschaft der Gegenwart bedeuten kann, was die geteilten Lebenserfahrungen, die kulturellen Werte sein mögen, die die Ingredienz von Heimat ausmachen, darauf müsste zunächst eine Antwort gefunden werden. Heimat kann integrativ wirken, kann Halt geben, kann Werte vermitteln. Sie kann aber auch zum exklusiven, zum hetzerischen Programm werden. All das lehrt uns die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts. Und deshalb ist es so augenöffnend und lehrreich, wenn wir uns mit ihr beschäftigen.

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