Musikerin Monika Drasch bringt Grundschülern in Pullach mit Volksmusik die Demokratie näher.
Pullach – Die Mädchen und Jungen sind sich sofort einig. Am liebsten wollen sie den Jodler singen und schmettern los. „Drioe hoe hoeo. Halleluja!“ Und gleich noch einmal. Jedes Mal trauen sie sich etwas mehr und singen lauter. Vor ihnen sitzt Monika Drasch, die nicht nur für ihre grüne Geige und ihre vielseitige Volksmusik mit oft politischen Texten bekannt ist. „Ihr seid dermaßen spitze“, sagt die Musikerin. Sie ist zu Besuch im Unterricht der Klassen 1a und 2b an der Grundschule Pullach. Die Kinder haben an diesem Tag keinen gewöhnlichen Musikunterricht, die Stunde ist Teil eines besonderen Projekts im zweiten Schulhalbjahr für die ersten und zweiten Klassen. Ziel ist, den Schülern die Bayerische Verfassung mittels Volksmusik näherzubringen. Das Vorhaben ist Teil der Demokratieerziehung.
Es geht aber um noch so viel mehr, wie sich bei dem Besuch zeigt. Es geht auch um die Annäherung und Freude an der bairischen Sprache und um den Spaß am gemeinsamen Singen. Das Projekt wird über das „Impulsprogramm Volksmusik“ vom bayerischen Finanzministerium mit 1500 Euro gefördert. Mit dem Programm werden Vorhaben von Bildungs- und Erziehungseinrichtungen sowie sozialen Trägern zum Kennenlernen und Praktizieren der Volksmusik finanziell unterstützt.
Im Klassenzimmer spielt Drasch mittlerweile auf ihrer Zither. Sie stimmt mit den Kindern das Volkslied „Und wos a guata Heuschreck is“ an. Die Melodie sitzt, auch der Text. Worum es in dem Lied geht, haben die Kinder mit der Musikerin besprochen. Schließlich ist es in bairischer Sprache verfasst und – wie auch die Konrektorin Stephanie Schmucker sagt, die das Projekt an die Schule geholt hat –die meisten Familien sprechen zuhause keine Mundart mehr.
Man bekommt einen guten Einblick, wie die Künstlerin den Kindern das Gesetzeswerk per Volksmusik begreifbarer macht. Bei der Zeile „drum wird eahm aa die Zeit ned lang“ fragt Drasch die Kinder, ob sie noch wüssten, was „Zeitlang“ bedeutet. Langeweile. „An welchem Tag in der Woche hat man ganz viel Zeit?“, fragt sie. Am Samstag und Sonntag, sagt ein Mädchen. Drasch will auf den Sonntag hinaus und erinnert die Kinder, dass in der Bayerischen Verfassung steht, dass der Sonntag zu schützen sei. Sie hat mit den Kindern auch schon den Artikel 141 der Verfassung besprochen, in dem der Schutz der Tiere verankert ist. In dem Zusammenhang singt sie auch an diesem Tag mit den Schülerinnen und Schülern das thematisch passende Kinderlied „Summ, summ, summ“. So verknüpft sie geschickt Lieder mit einzelnen Artikeln. Gleich fünf Strophen trällern die Kinder. „Ich glaub’ ich spinn’ – super“, sagt die Künstlerin.
Ob die Kinder die Arbeit mit der Verfassung verstehen? „In dem Moment, wo man es konkret macht, sind sie voll da“, sagt die Musikerin. Beim Schulfest am 8. Mai werden sie und ihre Kollegin Alexandra Herzinger einzelne Artikel vertonen, die Kinder singen den Jodler als Refrain. Auch die beiden Lieder und den Satz aus der Verfassung, „Bayern ist ein Rechts-, Kultur- und Sozialstaat. Er dient dem Gemeinwohl“, werden sie mit der Künstlerin dem Publikum präsentieren. Außer bei Draschs Besuchen üben die Kinder mit entsprechendem Material für den Auftritt auch mit ihren Lehrern.
Die Verbindung von Volksmusik mit der Verfassung ist für Drasch nichts Neues, sie pflegt das Zusammenspiel schon länger. In der Corona-Zeit begann sie, einzelne Artikel zu singen und auf ihrer Zither dazu zu spielen. Mittlerweile hat sie das längst auch auf vielen Bühnen vorgeführt. Wie auch bei einer privaten Geburtstagsfeier, bei der die Konrektorin Schmucker sie kennenlernte. Die Musikerin fragte, ob das auch mit Grundschulkindern möglich wäre. Schmucker war begeistert, wie sie erzählt. Idee war, die Demokratiebildung an der Schule zu ergänzen.
Drasch wusste von der Förderung und Schmucker warb sie als Künstlerin für das Projekt an. Es fügte sich alles, denn diese gehört beim bayerischen Landesverein für Heimatpflege zu einem Pool von Referentinnen und Referenten für Volksmusik. Zudem passt das Ganze zur Idee der Verfassungsviertelstunde, die an Schulen verpflichtend eingeführt wurde – und zum 80. Jubiläum der Bayerischen Verfassung in diesem Jahr. Drasch ist begeistert, dass ihre Idee aufgeht und „dass die Kinder sich so einbringen“, wie sie sagt. Zum schützenswerten Sonntag ist einem Kind auf ihre Frage hin eine kleine Melodie eingefallen: „Sonntag, Sonntag, i mog di.“ Die würden sie bei dem Auftritt auch singen, erzählt die Musikerin.
Als sie etwa mit den Erst- und Zweitklässlern über den Artikel 141 der Verfassung sprach, in dem es um dem Schutz der Tiere geht, habe jemand erzählt, dass sein Hamster gestorben sei. Ein anderes Mädchen wiederum habe erzählt, 1946 – also als die Verfassung in Kraft trat – sei ihre Oma zwölf Jahre alt gewesen. „Es ist also daheim darüber geredet worden“, resümiert die Künstlerin. Sie ist aus vielen Gründen angetan von dem Projekt. Nicht nur, weil es wieder mehr Lebendigkeit in die Volksmusik bringe. Sondern auch, weil es ums Singen gehe, es generationsübergreifend sei, demokratiefördernd und es „bissl die Lust auf die bairische Sprache lenkt“. Das sehen die Kinder genauso. „Ich find cool, dass wir auf Bairisch singen“, sagt Theresa aus der 1a. Benedikt aus der gleichen Klasse stimmt ihr zu. Von der musikalischen Arbeit mit der Verfassung haben sie offensichtlich auch etwas mitgenommen. „Wir haben darüber gesprochen, dass jeder in Bayern Rechte hat“, erzählt Benedikt. Theresa erinnert sich an Überlegungen im Zusammenhang mit dem Artikel 141. „Wenn es die Bienen nicht gibt, gibt es viele Früchte nicht.“
Ganz offensichtlich ist es hier geglückt, mit Hilfe von Volksmusik etwas über Demokratie und Zusammenleben zu transportieren, was für Kinder in dem Alter sonst noch ziemlich abstrakt sein dürfte, aber doch so wichtig ist. Auch Schmucker ist froh. „Wir wussten ja nicht, ob sich die Kinder begeistern können – aber es ist so“, sagt sie. Das Projekt inspiriert offenbar dazu, sich auch gleich noch mehr mit Mundart zu beschäftigen. So bekommen die Schüler der 1a an dem Tag die Hausaufgabe, bayerische Wörter von zuhause mitzubringen. Schmucker hat nun noch einmal einen Antrag auf Förderung gestellt. „Wenn es klappt, wäre das grandios, weil die Zusammenarbeit sehr bereichernd ist“, sagt sie.
Daniela Bode
Foto: Claus Schunk
Ein Beitrag der Süddeutschen Zeitung vom 03.05.2026.
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