Neue Nutzungen bringen Leben in leere Kirchen und Klöster

Architekten stellen beim Bayerischen Landesverein für Heimatpflege Beispiele vor

Text von Bernd Kellermann

Beuerberg –  Wo  jahrzehntelang Gläubigen der Leib Christi gereicht wurde, verzehren jetzt Bauarbeiter und IT-Techniker gemeinsam Schnitzel mit Kartoffelsalat. Undenkbar? In der ehemaligen Klosterkirche  der Armen Schulschwestern in Windischbergerdorf bei Cham im Bayerischen Wald ist das Wirklichkeit. Und den Mitarbeitern des Bauunternehmens Rädlinger schmeckt’s. Die ehemalige Kirche mit dem Klostergarten ist ein Ort, um „Kraft für Geist, Körper und Seele zu tanken“, schreibt Petra Rädlinger, die Leiterin der „‘s Kloster“ genannten Einrichtung, und ergänzt: „Es hätte sich nicht richtig angefühlt, das Kloster abzureißen. Das Kloster hat für Windischbergerdorf einen hohen historischen Stellenwert.“ Zum Appetitmachen sehen die Mitarbeiter des Bauunternehmens mit 600 Millionen Euro Umsatz im Jahr am Eingang den Schriftzug „Mach die Augen auf. Die Welt ist wunderschön“. Das gilt umso stärker für andere Räume des ehemaligen Klosters, in denen die Mitarbeiter eines der größten Bauunternehmen Deutschlands Fortbildungen absolvieren. Sie übernachten in früheren Klosterzellen und lernen KI-Einsatz bei der Bauplanung kennen, wo einst Klosterschwestern gemeinsam beim  Handarbeiten Entspannung suchten. Wie die Klosterschwestern können die IT-Techniker und Ingenieure den Blick über die Höhen des Bayerischen Waldes genießen. Federführend beim Umbau des Klosters der Armen Schulschwestern war das renommierte Architekturbüro Berschneider + Berschneider in Pilsach bei Neumarkt in der Oberpfalz. Büropartner Andreas Schmid hebt hervor, dass bei Umbau und Sanierung des Klosters „das harmonische Miteinander von alt und neu besondere Bedeutung hatte“. Das zeigt sich auch einerseits im Einbau von Wandheizungen in das alte Gebäude, andererseits in der Weiternutzung der alten Türen, deren Klinken viele Jahre lang Klosterschwestern der Nachfolge von Mutter Maria Theresia Gerhardinger in der Hand hatten.

Zahlen sprechen für sich

Insgesamt gibt es in Deutschland derzeit rund 22 000 Kirchen und Kapellen, die von Einrichtungen der katholischen Diözesen unterhalten werden. Seit 2000 wurden gut 500 Kirchen und Kapellen profaniert, davon wurden etwa 150 bereits abgerissen, etwa 140 verkauft und 33 weitere an andere Konfessionen weitergegeben. Ähnlich sind die Zahlen für die evangelische Kirche. Allein diese Zahlen und die weiterhin hohe Zahl von Kirchenaustritten zeige die Brisanz des Themas, sagte der Geschäftsführer des Landesvereins für Heimatpflege, Rudolf Neumaier, zu Beginn der Tagung in Beuerberg (Landkreis Bad Tölz – Wolfratshausen) vor Architekten, Denkmalpflegern und Kirchenvertretern. Diese Entwicklung werde in den nächsten Jahrzehnten einen dramatischen Wandel der gebauten Umwelt gerade in Bayern mit sich bringen. Ziel müsse es sein, diesen Wandel aktiv zu gestalten. Die Umnutzung kirchlicher Gebäude sei über über den damit verbundenen Einschnitt im Leben des Landes hinaus eine Herausforderung in Zeiten des Klimawandels. Kirche, Kommunen und Architekten sind gefordert, die in den Baukörpern gespeicherte „graue Energie“ neu zu nutzen, um damit einen wichtigen Beitrag zur Vermeidung von weiterem Kohlendioxid-Eintrag in die Atmosphäre zu leisten. Der Landesverein für Heimatpflege wolle mit der Tagung in Beuerberg die Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema der nächsten Jahre lenken. Bei der Tagung wurde auch darauf verwiesen, wie leere Kirchengebäude in Italien neue genutzt werden. Im Buch „The Mass is Ended“ („Die Messe ist gelesen“) versammelt der Fotograf Andrea di Martino 50 Beispiele von ehemaligen Kirchen in Italien, die jetzt als Spielothek, Nachtclub, Zeitungsredaktion, Fitness-Studio oder Autowerkstatt dienen. Die neue Nutzung von Kirchen und Klöstern sei im übrigen nicht neu. Zu denken sei etwa an die Folgen der Säkularisation, die etwa aus den Zisterzienserklöstern in Kaisheim (Schwaben) und Ebrach (Oberfranken) bis heute betriebene Gefängnisse gemacht hat. Ein anderes Beispiel sei der Schauplatz der Tagung, das ehemalige Salesianerinnenkloster Beuerberg, in dem in den frühen 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Augenklinik München untergebracht war. Hier wurden in eigens umgebauten Räumen unter besonderen aseptischen Bedingungen Augenoperationen durchgeführt, unter dem Rokoko-Stuck von einmaliger altbayerischer Pracht standen in langen Reihen Krankenhausbetten.

Ehemalige Kirchen Veranstaltungssaal, Büros und Brauerei

Bei der Tagung in Beuerberg stellten Kommunalpolitiker und Architekten weitere Beispiele von umgewandelten Kirchenräumen vor. Andreas Horsche, Bürgermeister von Furth bei Landshut, berichtete über die neue Nutzung des ehemaligen Maristenklosters. Er sagt: „Wir sind 2015 zu einem Kloster gekommen wie die Jungfrau zum Kind.“ Als er das Projekt anpackte, musste er als aktiver evangelischer Christ selbst die biblische Aufforderung „Fürchtet Euch nicht“ realisieren, die er vorher oft als Prediger auf der Kanzel in den Mund genommen hatte. Damit wurde die neue Nutzung auch zu einem persönlichen Projekt. 5,5 Millionen Euro haben die Gebäude am Ortsrand gekostet. Inzwischen sind dort fast 70 neue Wohnungen, davon 20 speziell für Senioren, entstanden. Den größten Teil des Geländes nehmen die Seminarräume der Bayerischen Verwaltungsschule ein. Hier werden Beamte des Freistaats Bayern in Fragen der Mitarbeiterführung und der  Anwendung neuer Rechtvorschriften unterrichtet. Die profanierte Klosterkirche der Maristen ist heute ein Bürgersaal der Gemeinde, der auch eine Orgel hat. Wer hat das schon? Der Saal ist gut ausgelastet, der Theaterverein probt und bietet Aufführungen an, es sind Lesungen und Musikveranstaltungen. Im Rückblick sagt Bürgermeister Horsche, dass Furth bei diesem Projekt Glück gehabt habe: „2015 gab es Geld und Ideen für die weitere Entwicklung. Das ist heute anders, aber wir haben die Gelegenheit beim Schopf gepackt.“ Viele Bürgerinnen und Bürger, so Horsche, waren natürlich am Anfang zurückhaltend, weil „unser Kloster“ verschwindet. Inzwischen sehen sie aber, dass sie dafür Neues mit gutem Nutzwert bekommen haben. Hilfreich war bei der ganzen Entwicklung sicher, dass der Großraum Landshut wegen der Nähe zum Flughafen München und zu den Autozentren Dingolfing und Ingolstadt eine ausgesprochene Boomregion ist.

Als weitere Beispiele wurden die ehemalige Benediktinerabtei Frauenzell bei Brennberg in der Oberpfalz und die Evangeliumskirche München-Hasenbergl vorgestellt. Bei der Beschäftigung mit der ehemaligen Benediktinerabtei Frauenzell zeigte sich für Studierende der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, dass ein 900 Jahre alter Bau ein „Kulturspeicher“ ist, ein Objekt, das im wahrsten Sinne des Wortes Kultur speichert. Unter der Leitung von Prof. Anne Beer entwickelten sie ein Nutzungskonzept. Es sieht etwa den Einbau von Lehrwerkstätten („Reallabor“) in die Klosteranlage vor, in denen etwa alte Putztechniken neu gelernt werden können. Vorbild dafür könnte die Jugendbauhütte der Dombauhütte Regensburg sein. Auch der Einbau einer Brauerei in die Anlage wurde vorgeschlagen. Dabei sollten die Zutaten für das Bier, auch der Hopfen, von den weitläufigen Flächen der alten Abtei gewonnen werden und der Absatz des Biers im näheren Umkreis erfolgen. Es sollten auf dem Biermarkt wieder stärker regionale Produkte anstelle von „Fernsehbieren“ wie Warsteiner oder Veltins zum Zug kommen. Prof. Beer unterstrich bei der Präsentation einen wichtigen Nebeneffekt der Arbeit der Studierenden: „Die jungen Leute kommen aus ihrer Blase heraus, in der Kirche und Glauben keine Rolle spielt. Das hat einen nicht zu unterschätzenden weitergehenden Effekt für ihr Leben.“

Architekt Georg Brechensbauer stellte den bereits realisierten Umbau der Evangeliumskirche München-Hasenbergl vor. Die etwa 20 Meter hohen Kirche mit fünf Jochen wurde mit einer Mauer knapp halbiert. Im dadurch gewonnen Raum wurden im Erdgeschoss und zwei Obergeschossen Räume für die Diakonie, ein Gemeindesaal und als Eingangsbereich der Kirche ein Kirchencafé eingerichtet.  Von den ursprünglich 500 Sitzplätzen blieben knapp 200 auf mobilen Holzbänken, die außerdem nicht fest mit dem Boden verbunden sind, sondern nach Bedarf in andere Sitzordnungen gebracht werden können. Der Altarbereich blieb unverändert.

 

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