Der Landesverein hat die ehrenvolle Aufgabe übertragen bekommen, ein Netzwerk und eine Internet-Plattform für die Dialektpflege in Bayern aufzubauen. Dieses Netzwerk soll alle in Bayern gesprochenen Mundarten und möglichst viele Projekte abbilden. Bei der Auftakt-Veranstaltung in Ingolstadt am 7. Februar 2026 gab der preisgekrönte SZ-Journalist Hans Kratzer einen eindrucksvollen Impuls. Den Vortrag können Sie hier lesen.
Sehr geehrte Anwesende, erst einmal ein herzliches Grüß Gott. Ich finde, das Grüß Gott ist immer noch ein schöner und zeitgemäßer Gruß, denn wie die meisten alten Formeln vermittelt er ein Gefühl von Heimat und Obhut. Neulich waren auch auf dem Wachsmarkt in Massing im Rottal wieder allerlei vertraute Wörter und Redewendungen von früher zu hören. Ein älterer Mann hatte zum Beispiel einer Standlfrau ein Wachsstöckl abgekauft, er zahlte, sie hat Goidsgod gesagt, und er hat Sengasgod geantwortet. Das waren in meiner Kindheit bei Geschäftsvorgängen noch allgemein übliche und für jeden verständliche Begriffe der Höflichkeit: Goidsgod (Vergeltsgott) und Sengsgod (Segne es Gott). Der Dialekt schlägt hier nicht nur eine wunderbare Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart. Er bewahrt auch ein Stück Freundlichkeit und Menschlichkeit, also Tugenden, die so wichtig sind in der häufig so rauen Gegenwart.
Man wünscht sich die sogenannte gute alte Zeit, wie sie zum Beispiel Georg Lohmeier in seiner Fernsehserie „Königlich Bayerisches Amtsgericht“ beschworen hat, aus vielen Gründen gewiss nicht zurück. Aber es schlummert doch eine Sehnsucht in den Menschen, die in dem wunderbaren Wort Zeitlang zum Ausdruck kommt. Es ist ein Gefühl, das den Kern der menschlichen Existenz berührt. Mein Kollege Sebastian Beck und ich haben diesem Phänomen Zeitlang eine Ausstellung gewidmet, die mittlerweile mehr als 50 000 Menschen besucht haben. Es geht darin um die Veränderungen um uns herum, die schleichend und fast unbemerkt geschehen. Der Autor Oskar Maria Graf hat dieses Phänomen einst treffend beschrieben: „Du gehst tausendmal vorüber und es fällt dir nichts Besonderes auf. Einmal aber, du kannst nicht einmal sagen warum, siehst du: Es ist vieles ganz, ganz anders geworden.“
Ich habe diese Veränderungen als Journalist bei der SZ viele Jahre lang in einer Kolumne darzustellen versucht. Ich habe dafür Wörter ausgesucht, die aus unserer Sprache verschwinden, aber doch hier und dort noch verwendet werden und bei Menschen, die sie von früher her kennen, ein fast wehmütiges Gefühl erwecken. Betrachten wir nur einmal die Verben gnocken (sitzen) und flacken (liegen). Ein Leser aus Dingolfing hatte uns folgende Geschichte geschildert, in der die beiden Verben genial vereint sind:
„Wir hatten 1968 in der ersten Klasse der sogenannten Buamaschui (Knabenschule) einen Lehrer, der uns beeindruckt hat, weil er nach der Schule oft zum Schafkopfen gegangen ist, wovon er erst am Abend heimkam. Seine Frau beschwerte sich eines Tages, dass sie so oft alleine auf der Couch liegen müsse. Darauf der Herr Lehrer: Iatz baas amoi auf: Wenn‘s i dagnogga ko, dann weastas du daflagga kena!“ (Wenn ich so lange sitzen kann, wirst Du so lange liegen können).
Die SZ-Bayern-Kolumne, in der so feine Wörter wie Barasolflickersbankert, Gifthaferl, Gred, Obstbaambeidlerin, garatzn und schliefatzn erörtert wurden, hat mir mehr Reaktionen beschert als alle meine anderen Artikel in 35 Jahren. Briefe und Mails zur bairischen Wortkunde erreichten mich unter anderem aus Österreich, Italien, Tschechien, Luxemburg, Schweden, Frankreich, Großbritannien, Brasilien, Kanada und aus den USA. Sogar mit einer Dame aus Moskau kam ich in Kontakt, die dann in den 90er Jahren mit ihrem Sohn über das Aussiedlungsprogramm für Russlanddeutsche in Waldkraiburg landete. Dort schrieb sie dann ein bayerisch-russisches Wörterbuch, eine einzigartige Fundgrube für Sprachliebhaber. Es sollte vor allem ihrem Sohn helfen, der auf dem Bau arbeitete und es dort mit lauter Dialektsprechern zu tun hatte.
Zurück zu den Grußformeln. Statt Grüß Gott hätte ich auch sagen können: Gott zum Gruße, Griasseich, Servus, Habedieehre . . . Das Bairische kennt beim Thema Grüßen eine Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten und Ehrerbietungen, die den Wert und den Reichtum des Dialekts erahnen lassen und deutlich machen, dass es sich hier um eine präzise deutsche Sprachvarietät mit einer eigenen Lexik, Phonetik und Grammatik handelt.
Gut darzustellen ist dies an dem schönen Wort Servus (gehorsamer Diener), mit dem Thomas Gottschalk vor Jahrzehnten in der ZDF-Sendung „Wetten dass“ das Fernsehpublikum begrüßte. Er machte damals den so gemütlich klingenden Begriff über Bayern hinaus populär. Schlägt man in Schmellers Wörterbuch aus dem 19. Jahrhundert nach, stellt man fest: Dort ist es noch nicht zu finden. Tatsächlich breitete sich dieser Gruß in Bayern erst im 1. Weltkrieg aus, als Adjes und Ade wegen ihrer französischen Herkunft nicht mehr gut gelitten waren. Allerdings braucht es ein Gespür dafür, wann dieses Wort passt und wann nicht. Wenn wir ehedem als Buben zu Erwachsenen Servus gesagt haben, konnte es vorkommen, dass wir ermahnt wurden: „Haben wir schon miteinander Sau ghüat?“
Eine ältere Dame, in vielen Vereinen aktiv, hat mir einmal erklärt, wie man eine Versammlung mit Honoratioren und erlauchten Gästen standesgemäß begrüßt. Ihre Methode: Zuerst die Gweichten, dann die Gwoidn, dann die Gwappeltn. Besser kann man es augenzwinkernd kaum ausdrücken. Könnte man das so klar und schelmisch auch im Standarddeutschen formulieren? Die Geweihten, die Gewählten und die Besitzenden – das klingt jedenfalls viel unspektakulärer. Wenn also die heutige Frage lautet: Warum brauchen wir Dialektpflege?, dann spricht allein schon das weite Feld des Grüßens deutlich dafür, dass wir sie dringend brauchen.
Tatsächlich passiert es nur selten, dass ein bayerisch-österreichisches Dialektwort wie Servus bundesweit Karriere macht. Meistens verläuft es umgekehrt. Südhochdeutsche Wörter, die lange Zeit zuverlässig in Gebrauch waren, treffen plötzlich auf konkurrierende Ausdrücke für dieselbe Sache, meist aus dem angloamerikanischen oder aus dem nord- und ostdeutschen Sprachraum, und ihre Zeit ist abgelaufen.
Von den Reizwörtern tschüss und lecker reden wir schon gar nicht mehr. Beim hiesigen Bäcker gibt es Brötchen statt Semmeln, der Baumarkt bietet Bollerwägen statt Leiterwagerl an, die Gelbe Rübe weicht der Möhre, der Rahm der Sahne, die Schaufel der Schippe und der Spezl dem Kumpel. Man kennt nur noch, wie die preußischen Militärschädel, den Schneid, dabei heißt es in Bayern die Schneid. Im Fußball gibt es keine Spieler mehr, nur noch Jungs. Ein krasses Beispiel ist das Verbum ausbüxen, ein Lieblingswort der Lokaljournalisten, wenn Kühe oder andere Kaliber ausreißen. Das norddeutsche Regionalverb ausbüxen hat ungefähr ein Dutzend lokale Synonyme verdrängt, von ausreißen bis abhauen, aber dieses Abräumen altbewährter lokaler Verben wird nicht mehr als Problem wahrgenommen.
Immer öfter denkt man sich: Es ist mittlerweile alles egal. Nicht nur das Bairische und Südhochdeutsche leiden, sondern die gesamte deutsche Sprache wird malträtiert wie die Ackergäule von den Staunzen. Der ehemalige BR-Sprachpfleger Werner Müller sagte neulich: „Es stirbt gerade eine Generation aus, der die Sprache wichtig ist.“ Und damit geht erst recht das Gefühl für regionale Besonderheiten der Sprache verloren. Alfred Hugenberg, einem populären Politiker der Weimarer Republik, warf man mit Blick auf seine Sprache einst eine schwunghafte Verschwommenheit vor. So kommt es mir auch mit Blick auf unsere Alltagssprache vor: viel Vernuschelung und Larifari, wenig Klarheit, wenig Gefühlswärme. Wenn die Sprache aber ihre regionalen Sprachfärbungen verliert, verflacht sie zu einem öden Einheitsjargon. Mit jedem Dialekt, der verschwindet, erlebt auch die Schriftsprache einen Niedergang.
Mit Blick auf die Dialekte in Bayern ist das schon deshalb bedauerlich, weil sie imstande sind, das Gemüt aufzuhellen. Vom Romanischen her geprägt, klingen sie oft melodisch und damit beruhigend, dazu heiter und vertraut, selten schnarrend und metallisch wie die besonders von den sozialen Medien grob kontaminierte Standardsprache. Der Berliner Rabbiner Netanel Olhoeft sagte neulich in einem Interview: „Hier oben im Norden klingt mir alles ein bisschen zu sehr nach Maschinengewehrsalven.“
Gewiss, auch die Dialekte können hart und derb daherkommen, aber das rustikale Viehhändler-Bairisch ist nur eine Facette von vielen. Leider bietet gerade diese Variante eine große Angriffsfläche. Nachdem die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Marianne Schieder im Bundestag einmal kräftig auf Oberpfälzisch parliert hatte, stellte die „heute-show“ im ZDF die Diagnose, die Debatte sei „leider nicht durchgehend in deutscher Sprache geführt worden“. Das war die Meinung einer Satiresendung, das schon, aber dahinter steckt das uralte Vorurteil: Dialekt ist ein Bildungshindernis, wer ihn spricht, ist minderbemittelt und bedient sich einer primitiven Ausdrucksform.
Der Landbevölkerung wurde eingetrichtert, sie rede falsch, und sie bemühte sich deshalb aus Angst vor dem sozialen Abstieg redlich um Besserung. Die Kinder sollten nicht mehr im Dialekt reden. Das kommt zum Ausdruck in jener mütterlichen Mahnung, die der Autor Josef Fendl literarisch verewigt hat: „Geij Bou, dassd fei schee schmatzt!“
Nach wie vor reagieren viele skeptisch auf die wissenschaftliche Erkenntnis, dass Kinder, die einen Dialekt und die Standardsprache beherrschen, eine gute Sprachkompetenz entwickeln können. Vor vielen Jahren hat eine Untersuchung des Marburger Instituts für deutsche Sprache ergeben, dass Schüler, die zwischen zwei Varietäten einer Sprache wechseln können, weniger Rechtschreibfehler produzieren als einsprachig erzogene Kinder.
Wenn wir das in den Prozess des Sprachwandels massiv hineindrängende Englische mal beiseitelassen, so lässt sich festhalten, dass die deutsche Sprache von der Varietät der Dialekte in Sachen Wortbildung, Anschaulichkeit und Präzision sehr profitieren könnte. Eine Bekannte sagte vor kurzem über ihre alten und klapperdürren Eltern: „Do schewert oans irger wia des andere.“ Recht viel bildhafter kann man das wohl kaum ausdrücken.
Bei solchen Beschreibungen ist der Dialekt der Standardsprache weit überlegen. Der aus Hamburg stammende Schriftsteller Uwe Timm, der in München lebt, sagte einmal: „Wenn ich am Hauptbahnhof aus dem Zug steige und Münchnerisch höre (jetzt beißts aus!), dann weiß ich: Ich bin zuhause.“ Wenn freilich das Bairische untergeht, dann verschwindet auch das damit verknüpfte spezielle Denken, das in der Grammatik, in den Wendungen und in der bilderreichen Wortwahl zum Ausdruck kommt.
Es ist schade, aber vor allem Städte wie München verlieren ihren eigentümlichen Klang, an dem man sich einst eigentlich kaum satthören konnte, weil er das Gegenteil dessen ausdrückte, was jeden Tag auf uns eintrommelt: Hass, Gewalt, Scheußlichkeiten. Exemplarisch sei eine Szene mit der Schauspielerin Carlamaria Heim in der Serie „Monaco Franze“ erwähnt. Als ihr Mann vom Faschingsball nicht zurückkehrte, sagte sie nur in aller Demut: „Wannsn seng, sangs ihm bitte, er möcht halt wieder heimkommen!“
Setzen Sie sich nur einmal in ein Münchner Café, in dem noch ältere Damen beim Kränzchen beisammensitzen, und lauschen Sie dem Klang der alten Münchner Stadtsprache, sie werden ein beglückendes und beinahe sinfonisches Erlebnis genießen. Und es zeigt sich darüber hinaus, dass sich Geschichte vor allem in der Sprache manifestiert, und erst recht im Dialekt, der ja aus vielen Sprachen geformt ist. So hat sich in das Bairische unter anderem das Französische und das Italienische hineingemischt. Das Italienische hat die Kurfürstin Henriette Adelaide nach München mitgebracht, die aus dem Hause Savoyen-Piemont stammte und 1652 hierher verheiratet wurde.
Die junge Kurfürstin sollte das verzopfte Leben in München nachhaltig verändern. Sie hatte viel savoyisches Gefolge mitgebracht, weshalb das fade Stadtleben plötzlich von einem südlichen, rauschenden Ton erhellt wurde. Das Welsche, das Italienische gab nun den Ton an, der Blumenkohl hieß jetzt Karfiol, cavolfiore, und auch Wörter wie Maschkera, Spassettl, Gusto, Zibeben und Sparifankerl belebten die Gespräche auf den Straßen und Märkten. Noch hundert Jahre später klagte der Aufklärer Lorenz von Westenrieder (1782), die hiesigen höheren Stände beherrschten das Italienische besser als ihre bayerische Muttersprache.
In der Landshuter Gegend ist heute noch die Wendung „Du gfreist mi!“ populär. Sie drückt echte bayerische Dialektik aus: Zu einem, der einen geärgert hat, sagt man ungeniert, er erfreue einen: „Du gfreist mi!“ Der Ausdruck wird bereits in einer Quelle aus dem Jahr 1467 erwähnt. „Du freyst mych!“ war der Leibspruch des Herzogs Ludwig des Reichen (1450-1479), eines der berühmten Reichen Herzöge von Landshut. Die Devise ist am Rande der Rechnungsbücher festgehalten, sie unterstrich das Image des freigebigen Fürsten und ist somit ein Sprachdenkmal, das man durch eifrigen Gebrauch vor dem Vergessen bewahren sollte.
Das ganze Land ist immer noch durchdrungen von klangvollen Namen und Begriffen, deren Erhaltung und Bedeutung nur fortdauert, solange Dialekte leben. Flurnamen, Ortsnamen und Hofnamen sind in Jahrtausenden gereift und damit eine einzigartige Quelle für die Erfahrungswelt und Geisteshaltung unserer Vorfahren sowie großartige Zeugnisse der Sprache und der Geschichte. In unserem Dorf erinnern zum Beispiel ein Fourieracker und ein Galgenbichl an Ereignisse aus der Militär- und der Verbrechensgeschichte. In Bayern gibt es mindestens zwei Millionen Namen von Bergen, Äckern und Gewässern. Unerschöpflich ist der Informationsgehalt dieser Namen über frühere Besitzverhältnisse und historische Begebenheiten.
Einen ähnlichen Schatz bilden unzählige Wörter des Dialekts, die Besonderheiten markieren, nennen wir nur das Giletwestenleiberl, die Magrananulsuppn, die Dult, den Zenterling, die Zaunspreizl oder die Gnackfettigen, die in einem Zeitungsbericht über ein Fußballspiel anno 1920 auftauchen. Der Autor beschrieb die Szenerie damals überaus klar und bildhaft: „Obwohl der Wind grimmig kalt über das Spielfeld hinwegblies, sodass es sogar einigen Gnackfettigen zu bunt wurde, ging doch der Kampf vonstatten.“
Gnackfettige – auf so ein Wort muss man erst einmal kommen. Es trifft aber voll ins Schwarze, denn die Gnackfettigkeit galt ja als Sinnbild für materielles Wohlergehen. Man hat beim Lesen förmlich das Bild vor Augen, wie es den gwamperten Männern die Genickschwarten über die Krägen ihrer Wintermäntel hinausbaazt.
Ganz außerordentlich mutet auch der Er an: eine Größe, in der einzigartig die Wucht des Dialekts zum Ausdruck kommt. Eine bedeutende Rolle nimmt dieser beim Wetter ein. „Aber heit hod er wieder eighoazt!“, sagt der Politiker Hubert Aiwanger gerne an heißen Sommertagen. Im Grunde genommen wird das Gesamtwetter von diesem Er geregelt. „Für morgen hat er Regen angesagt!“, lautet ein Standardsatz in den alten Bauerndörfern.
Die alte Schusterin bewirtschaftete ein Zeugl im Landkreis Erding. An moderne Kommunikationsgeräte war sie nicht angeschlossen. Nur der Er konnte da weiterhelfen. Sie bat ihre Nachbarin: „Ruafn o, wos er sogt, maahn mächt ma!“ Das heißt: Ruf ihn an und frage, was er sagt, wir wollen nämlich mähen!
Der Er ist in Wettersachen also eine Instanz. In Wahrheit steht hinter dem Er in den meisten Fällen der Wetterbericht im Radio, im Fernsehen und auch im Internet. Sorgen wir also dafür, dass sich dieser Er weiterhin in der Alltagssprache behauptet. Solange es ihn gibt, ist der Dialekt noch vital am Leben.








