Der Kasperl – Pflegefall oder Heimatpfleger? Ein Beitrag von Richard Oehmann

Bild vom Kasperl "Der Kasperl - ein etwas anderer Heimatpfleger"

Das Kasperl wird 30. Zumindest der von Doctor Döblingers geschmackvollem Kasperltheater. Braucht es ihn eigentlich noch? Richard Oehmann schreibt und spielt mit Josef Parzefall Kasperl-Hörspiele und -Stücke. Das neueste Hörspiel, „Kasperl und der Purzelprinz“, handelt von Bräuchen, Baukultur und Purzelbäumen – alles wichtige Themen der Heimatpflege. Oehmann schreibt in seinem Beitrag, wie es dem Kasperl geht, ob man ihn erhalten muss und wie wichtig er für den Dialekt ist.

Es gibt da ja ein tollkühnes Zitat von einem bayerischen Umweltminister: „Das Kasperltheater muss ein End haben.“ Wir unterstellen jetzt mal, dass der Satz nicht als Aufruf zur Zerstörung gedacht war, etwa im Sinne des Straußschen „Reißt’s es weg, des oide Glump!“ Gemeint waren eher irgendwelche politischen Schmarrereien, und es wäre auch abwegig, ausgerechnet der Partei dieser beiden Herren große Kasperlfeindlichkeit zu unterstellen. Bewusste Gegnerschaft hat der Kasperl, also die Hans-Wurscht-Figur, weniger aus dem Kollegium in der Staatskanzlei erlitten, eher aus dem überpädagogischen Bereich, aber auch das hat er bis jetzt überstanden. Den Kasperl gibt es im ganzen Land, recht prominent in Bamberg zum Beispiel, dann als Nebenfigur im Puppentheater Bille, Unterschleißheim, zudem im Oberföhringer Pförtnerhaus oder auf dem Campingplatz am Brombachsee, ganz abgesehen von den täglich irgendwo von Opas und Omas aufgeführten Stücken oder vom Brandner Kasper. Der ist ja schließlich auch eine Kasperlfigur, denn immerhin überlistet er den Tod. Klassischer kann man gar nicht kasperln.

Der Kasperl besiegt also schon seit Urzeiten PädagogInnen, Umweltminister und Sensenmänner, ist also schon deswegen noch kein Fall für die Heimatpflege. Also bitte nicht retten, bewahren oder pflegen, den Kasperl! Oder gar erhalten! Das Lied vom Erhaltenwollen wird ja oft gespielt von der Totentrompete von allem, was Spaß macht. Lieber lässt man den Kasperl selber was pflegen, zum Beispiel schöne alte Ausdrücke: „Tri Tra Trullala“ und „Seid ihr alle da?“ wären da zunächst die Basics, wie man unter Hanswurschten sagt. Dann aber darf jeder Kasperl variieren. Der eine sagt dann vielleicht „Verhunakelt“ oder „wieselharig“, ein andrer verwendet den schönen Ausruf „Da ganz der ander!“ oder auch „Wattscheins, hey!“, ein Fachbegriff auf oberbairischen Bolzplätzen der 70er Jahre. Dialekte lassen sich mit dem Kasperl besonders leicht pflegen. Gerd von Hassler, sehr erfolgreicher Kasperl in der Schallplattenära, hat immer fleißig seinen schwäbischen Akzent verübt, und der Kasperl auf der Auer Dult in München war mitunter so bairisch, dass ihn die urbanen Schratzen schier nicht mehr verstanden haben.

Und dann gibt es natürlich allerhand kasperleske Fachausdrücke: Dem Hohnsteiner Kasper wird zum Beispiel der Ausruf „Schlipperdibix“ zugeordnet, und „Schlimperdibix und Schlapperdiment“ war schon aus Österreich zu hören. Auf alten, ziemlich überdrehten Kasperlplatten mit Axel Muck hat es indessen „Sappradibix und Stiefelwix“ geheißen, was Muck aber für Otfried Preußlers „Hotzenplotz“ mit „Schlimperdibix und saure Sahne“ variiert hat, offenbar die Siebenbürger Version. Und das Schöne ist: Keiner hat Recht! Jeder darf sich die Kasperlfigur schnappen und damit daherreden wie er mag. Sollte – nach Alfred Dick, CSU – dieses Kasperltheater, also dieser Verhau an Möglichkeiten, Versionen und Varianten, endlich einmal ein End haben? Das kann ja keiner wollen. Und man würde es auch gar nicht hinkriegen. Oder sollte es erhalten, sortiert, archiviert und eingeordnet werden? Auf gar keinen Fall! Schlibberdibix.

Das neue Hörspiel „Kasperl und der Purzelprinz“, das in Kooperation mit dem Landesverein entstanden ist, kann bei Doctor Döblingers Kasperltheater als CD oder zum Download bestellt werden!

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